Der Freizeitreiter



Ich hab ja wirklich lange nichts mehr geschrieben, fällt mir gerade auf.

Und eine ganz ganz große Anzahl von uns Pferdeliebhabern ist ja auch noch gänzlich ungeschoren davongekommen…

Das soll nicht so bleiben, wenn schon unfair, dann auch gleich verteilt, hier wird schön gleichmäßig mit Dreck geworfen.

Wiederum ein kurzer Hinweis vorab, es handelt sich bei dem hier vorliegenden Schriftstück um lupenreine Satire. Mit allem was die Ironie zu bieten hat, übertreibe, überspitze und verballhorne ich allzugerne die Leute, zu denen ich mich selber im Übrigen auch zähle. Deswegen schon mal vorab an alle Nörgler, die sagen, ich würde es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen: ICH BIN WIRKLICH SO!

…der Freizeitreiter

Der Freizeitreiter ist im Allgemeinen ein vom Grundsatz her ein zutiefst alternativer Zeitgenosse. Zudem wetterestitent und immer einsatzbereit. Definierte sich der Freizeitreiter vor nicht allzu langer Zeit dadurch, dass die Vertreter seiner Zunft nicht im beruflichen Umfeld, sondern in ihrer freien Zeit ihren Allerwertesten auf dem Pferd platt sitzen, hat sich diese Terminologie in letzter Zeit deutlich gewandelt.

Freizeitreiter definieren sich heutzutage vor allem dadurch, was sie nicht sind. Sie sind keine Turnier- keine Sport- keine Dressur- keine Spring- und keine Westernreiter.

Häufig sind Freizeitreiter auch überhaupt keine Reiter, sonder Freizeitfütterer, Freizeitputzer, Freizeitführer und Freizeittüdeltanten. Das liegt daran, dass das Freizeitpferd an sich, die ihm schon von Berufs wegen gegönnte viele freie Zeit sehr schätzt und sich allerlei lustige Erkrankungen und Wehwehchen ausdenkt, um den Müßiggang längst möglich auszuweiten. Bei den typischen Erkrankungen von Freizeitpferden tauchen jährlich neue Trends auf, mal haben sie Ileo-Sakral-Gelenk, mal Hufrolle, mal Rücken, mal haben sie es mit der Luft, mal Fesselträgerursprung.

Gezwungener Maßen sind dementsprechend Freizeitreiter oft medizinisch sehr bewandert. Sie wissen oft schon vor ihrem Pferd, dass es ihm nicht gut geht und warum. Ganz sicher wissen sie es aber vor dem Tierarzt. Dieser wird natürlich trotzdem zu Rate gezogen um die eigene Diagnose zu bestätigen. Sollte diese Bestätigung nicht erfolgen, werden allerhand Praktiker zu Rate gezogen. Ob Chiro- Physio- Ostheo- Dental- Homöophatie- Tierheil- oder Tierkommunikationspraktiker, keine Telefonnummer ist zu lang, kein Weg zu weit um dem Tierchen schließlich Erleichterung vom Leid zu verschaffen, das man ihm als verantwortungsbewusster Pferdebesitzer schon lange an der Schweifhaarspitze angesehen hat. Bei dem Spezialisten, der schließlich die gewünschte Diagnose stellt erwirbt der Freizeitreiter dann gerne auch diverse Zusatzfuttermittel und Pflegeprodukte, schließlich kennt der ja das Freizeitpferd fast so gut wie der Besitzer und weiß somit auch, was gut ist.

Das Freizeitpferd hat zwar oft einen eigenen Vornamen, diesen aber schon lange vergessen, weil er durch diverse Kosenamen ersetzt wurde. Glücklich sind die Mausis, Schnuckis und Schätzchen dieser Welt, schlimmer trifft es die Rennsemmeln, Pupser und Salamis. Da sie aber sowieso nicht auf ihre Besitzer hören sollen, ist ihr Rufname den meisten Freizeitpferden aber herzlich egal.

Freizeitpferde leben meistens ein recht wildes Leben, in Horden bevölkern sie die Offen- Bewegungs und Aktivställe der Republik. Diese haben für das Freizeitpferd den Vorteil, dass es seine großzügig bemessene freie Zeit mit gleichgesinnten Kollegen verbringen kann und viel Platz hat vor seinem Besitzer wegzulaufen, wenn der tatsächlich mal ohne Leckerchen, dafür aber mit Reitequipment anrückt.

Freizeitpferde haben keine Abstammung, sie sind Kinder der Liebe. Sollte ein Freizeitpferd durch einen dummen Zufall doch Papiere haben, tut der Besitzer gut daran, über diese Stillschweigen zu bewahren, denn auf Papieren kann man nicht reiten.
Sollten sich unter den Ahnen allerdings Vertreter exotischer Rassen befinden, die in möglichst freier Kombintation miteinander verbandelt wurden, kann der Besitzer sogar damit angeben. Ein Shireshetty ist mindestens genauso aufsehenerregend wie ein QuarabDartmoor, Achal Tinker oder einfach ein Friese. Das manche dieser Exemplare aussehen wie ein schnödes Pony oderWarmblöd ist lediglich der kapriziösen Natur der Mendelschen Regeln geschuldet.

Sehr häufig werden Freizeitpferde von ihren Besitzern auch nicht erworben, sondern gerettet. Selbstverständlich gegen die Ableistung einer nicht gerade kleinen Abschlagszahlung werden sie vor Schlachtern, Tiertransporten, Sportreitern, oder jeglicher anderer Form von Vorbesitzer gerettet. Da es sich mit Freizeitpferden ähnlich verhält wie mit gutem Wein und sie im Alter immer besser werden, kann dieser Rettungsvorgang beliebig oft wiederholt werden.




Freizeitreiter haben oft viel freie Zeit, diese benötigen sie auch, da schon die Suche nach dem passenden Equipment für den vierbeinigen Begleiter oft Monate in Anspruch nimmt. Sind Sattel und Trense schließlich angepasst, kann der Freizeitreiter seinen Jagdinstinkt bei dem Erwerb von diversen Polster- Schutz- und Zierartikeln für Vier- und Zweibeinigen Freizeitteilnehmer ausleben.

Es sind schon Freizeitreiter gesichtet worden, die den Kollektionen diverser Reitsportartikelhersteller so viel Platz in ihrem Zuhause einräumten, dass diverse Lebensabschnittsgefährten vor die Tür gesetzt werden mussten, da ihre Bettseite zum Schabrackenlager umfunktioniert wurde.

Wenn Freizeitreiter wirklich einmal reiten, dann tun sie das gemächlich. Ab und An wird auf dem heimischen Platz oder bei wirklich üblen Witterungsbedingungen in der Halle an Lenkung, Gas und Bremse des edlen Pferdekameraden gebastelt, meistens geht es aber ins Gelände. Hier treten Freizeitreiter gerne auch in Rudeln auf, die eine bemerkenswerte Eigendynamik entwickeln.

Nicht selten erblickt man deswegen im deutschen Forst eine Gruppe wild galoppierender Pferde jeglicher Couleur, teils mit, teils ohne Reiter oben drauf, die durchs Unterholz brechen, als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her. In gebührendem Abstand sieht man dann mehr oder weniger versehrte Reiterlein schimpfend und humpelnd ihren ehemaligen reitbaren Untersätzen folgen.

Damit das nicht so häufig passiert, haben viele Freizeitreiter die Bodenarbeit für sich entdeckt. Es wird geführt, gelangzügelt und zentrifugiert was das Zeug hält, Pylonen, Planen und allerlei Hindernismaterial zur Desensibilisierung in die Bahn geworfen. Neue Methoden zur besseren Erziehung der vierbeinigen Kameraden schießen wie Pilze aus dem Boden. Es existieren so viele Gurus, Methodenbegründer und Trainer, dass inzwischen fast jeder Freizeitreiter einen eigenen haben kann.

Freizeitreiter sind in der überwältigenden Überzahl weiblich, männliche Vertreter beginnen allerdings immer häufiger mit diesem zeitaufwendigen Hobby, oftmals aus reiner Verzweiflung, da Sie ihre bessere Hälfte nur noch im Zusammenhang mit vierbeinigem Anhang zu Gesicht bekommen.

Wenn solche Partnerschaften auseinandergehen, braucht der freizeitreitende Mann aber nicht lange alleine zu bleiben, diese pferdetoleranten Exemplare sind so begehrt, dass die Weibchen der Gattung zu allen Mitteln greifen um eines zu ergattern.

Sollte ein weiblicher Freizeitreiter trotz aller widrigen Umstände doch einma solide werden und Kinder bekommen, werden diese natürlich in das Hobby voll mit eingebunden und am Anfang im Kinderwagen und später freilaufend am Pferdestall ausgewildert. Zusammen mit dem obligatorischen Haufen Hunde, der jedes Freizeitpferd begleitet bildet sich eine lustige akustische und optische Untermalung der täglichen Routine, die dafür sorgt, dass Freizeitpferde meistens ziemlich schussfest sind.

Wenn Freizeitreiter einen Stall gefunden haben, in dem sich viele Gleichgesinnte treffen, beweisen sie häufig Sitzfleisch und verbleiben lange am gleichen Ort. Viele entwickeln sich durch unglaublich inkompetente Stallbesitzer, Personal und Miteinstaller aber auch zu Wandervögeln und sind ca. drei Mal jährlich an neuen Ställen anzutreffen. Nicht selten entwickeln sie sich zu Aussteigern, die sich eine Hütte in der Pampa kaufen um hier ihre Pferde am Haus selbst zu halten und endlich einmal professionell zu versorgen.

Durch die ganze professionelle Versorgungsarbeit bleibt dann häufig endgültig keine Zeit mehr, um den eigenen Allerwertesten aufs Pferd zu schwingen und nicht nur die Mistforke vom Stall zum Misthaufen. Ebenso leidet die soziale Interaktion mit den Mitmenschen. Die sogenannten Selbstversorger führen oft ein recht einsames Leben. Das nehmen sie aber gerne in Kauf, dafür, dass ihre Pferde ein ganz und gar sorgenfreies Leben führen können.

Freizeitreiter sind ansonsten aber ein recht geselliges Volk. Auf Messen und sonstigen Veranstaltung zur Fortbildung der Freizeitreiterei und –tüdelei tauchen finden sich regelrechte Anhäufungen von Freizeitreitern. Dort stehen oder sitzen sie zusammen, diskutieren über neueste Trends und lästern auch gerne über andere Freizeitreiter, andere Reiter im Allgemeinen oder auch über die Welt an sich.Wobei sie stets behaupten, sie würden nicht lästern, sondern lediglich etwas feststellen.

Was sie feststellen?- Richtig, dass allein Freizeitreiten etwas taugt und alle anderen Reitweisen definitiv schädlich, dumm und höchst verwerflich sind.

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