Der Springreiter



Die Dressurreiter haben ihr Fett weg, jetzt dreht sich das Rad, und heraus kommt…

…Der Springreiter

Es geht hier darum, die verschiedenen Reitweisen möglichst plakativ anhand vieler verschiedener Vorurteile überspitzt durch den Kakao zu ziehen. Die Form nennt sich Satire, das Mittel zum Zweck schimpft sich Ironie. Wer giftig reagiert, erkennt sich möglicherweise selbst zu sehr wieder?

Der Springreiter
Der Springreiter ist ein recht entspannter Zeitgenosse. Das liegt wohl daran, dass er den legalen bewusstseinserweiternden Drogen im Allgemeinen recht zugetan ist. Springreiter sind nicht selten mit einer Flasche Bier in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand anzutreffen, sowohl im Reiterstübchen und an der Bande als auch auf dem Pferd. Springreiter ist, wer raucht und trinkt und trotzdem seine Leistung bringt. Auch auf dem Pferd sieht man dem Springreiter seine entspannte Grundhaltung an. Er steht meistens in den recht kurzen Bügeln oder schlackert mit krummem Rücken im Sattel herum, zusätzlich lenkt er sein Reittier mit ausholenden Armbewegungen in die gewünschte Richtung.

Das Ziel eines jeden Springreiters ist es, mit seinem reitbaren Untersatz eine vorab definierte Zahl von Hindernissen in bunten Farben und diversen Formen ohne das Abwerfen von Hindernisteilen, spontane Bremsungen oder ungewolltes Kreuzen der eigenen Linie zu überwinden. Manchmal soll das ganze so schnell wie möglich erfolgen, manchmal so schön wie möglich. Letzteres nennt sich Stilspringen, dafür werden die Springpferde manchmal auch genauso hübsch gemacht wie ihre Sandkastenkameraden.
Ansonsten sind Springpferde eher die Schmuddelkinder unter den Reitpferden. Sie bekommen sehr selten Zöpfe in die Mähne und anstatt zum Turnier im klassischen schwarzweiß auflaufen zu dürfen, versehen ihre Reiter sie mit Accessoires in allerlei knallbunten Farben. Da das Reglement hier künstlerische Freiheit lässt, finden sich nicht selten aufeinander abgestimmte Fliegenmützchen, Schabracken, Gamaschen und Steigbügel in den schrillsten Neontönen.
Springpferde stört ihr Outfit aber selten, sind sie doch extra dafür gezüchtet, auf die andere Seite zu wollen. Auf die andere Seite von was ist vorrangig erst mal egal, damit können sowohl extra gebaute Hindernisse als auch Zäune oder Boxenwände gemeint sein. Springpferde haben hochtrabende Namen wie Balou de Stakkato oder Contenders Cantus, ihr Stammbaum reicht nicht selten bis ins späte neunzehnte Jahrhundert und ins benachbarte Ausland. Das führt dazu, dass ihr Papier in der Schublade zwei Meter hoch springen kann und der Springreiter versucht, sein Springpferd dazu zu überreden, es seinem Papier gleichzutun. Allerdings ohne Schublade.

Das Springpferd wird im Alter von drei bis vier Jahren an die auf es wartenden Aufgaben herangeführt, ihm wird beigebracht, über alles drüber zuspringen, was irgendwie bunt angemalt ist und als Bonus, dabei noch einen Springreiter mit sich herumzuschleppen. Im jugendlichen Alter besucht das Springpferd zahlreiche Veranstaltungen, auf denen es sich mit seinen Altersgenossen um Schleifen in sogenannten Springpferdeprüfungen streitet. Hier geht es darum, die Füße beim Überwinden der Hindernisse möglichst hoch zu ziehen und den Rücken dabei möglichst hoch nach oben aufzuwölben, ohne dabei seinen Reiter zu verlieren.

Springreiter sind häufig eher einfach gestrickte Zeitgenossen, sie lesen nicht besonders gerne, deswegen haben sie die Reihenfolge der zu überwindenden Sprünge durchnummeriert. In den tieferen Klassen reicht es dabei oft vollkommen aus, wenn der Springreiter die Zahlen 1 – 8 kennt, will der Springreiter höher hinaus, muss er manchmal sogar bis 18 zählen können.




In den tieferen Klassen sind eine Mehrzahl der Springreiter weiblich, in den höheren Klassen verschiebt sich das Verhältnis in Richtung der männlichen Teilnehmer. Diese sind grundsätzlich Helden und ziehen eine Ganze Heerschaar von Groupies mit blonden Pferdeschwänzen an. Damit der Springreiter aber in den höheren Klassen mitreiten kann, braucht er entweder ein Pferd, das viel Sprungvermögen hat, oder ein gutes Auge, das ihm ermöglicht, schon lange vorher zu sehen, an welchem Punkt vor dem Hindernis er sein Pferd durch ordentliches Drücken mit dem bespornten Füßen zum Abspringen bewegen wird. Pferde mit viel Vermögen ersetzen ein gutes Auge recht häufig, manchmal können die aber auch nichts mehr retten, da gilt die altbekannte Devise: Distanz erkannt und reingerannt.
Da vermögende Pferde oft um das Unvermögen ihres Piloten wissen, möchten sie dem Reiter gerne Arbeit abnehmen und selbst entscheiden, in welchem Tempo sie die gestellten Aufgaben meistern. Um das zu verhindern haben sich die Springreiter in den höheren Klassen einen ganz besonderen Wettkampf ausgedacht:
Sie wetteifern, wer am meisten Leder und Metall am Pferd unterbringt. Von diversen Trensen- und Kandarenkombinationen, Zügelvarianten, Hilfszügeln und Vordergeschirren bis hin zu Sattelgurten, Gamaschen und Hufglocken sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Besonders die verschiedenen Kopfstücke in Verbindung mit den Hilfszügeln ermöglichen dem Springreiter eine gewisse Restkontrolle über sein eigenwilliges Reittier. Wenn die Kontrolle von vermögenden Reittieren und das Zählen von Hindernissen gut funktionieren, können Springreiter ihr Land auch auf internationalen Meisterschaften bis hin zur Olympiade vertreten.
Springpferde sind zwar eigenwillig, aber ansonsten recht genügsam. Sie haben generell recht wenig Angst und gehen vollkommen in der Rolle auf, auf Turnieren stundenlang auf Transportern oder an der Bande des Springparcours unbeweglich rumzustehen. Eine einzige Allergie haben die meisten Springpferde und vor allem deren Reiter aber: sie reagieren furchtbar allergisch auf jede Form von dressurmäßiger Arbeit. Manchmal sind sie auch recht unaufmerksam und werfen Stangen ab, oder sie verweigern komplett die ihnen zugedachte Aufgabe und springen gar nicht erst ab.
Auch für diesen Fall haben die Springreiter jedoch vorgesorgt, sie verfügen häufig über einen großen Fundus an Hilfsmitteln, die das Springpferd dazu überreden können seinen Job zu erledigen und dabei die Füße ein bisschen höher zu nehmen als dessen ursprünglicher Plan es vorgesehen hatte.
In den Neunzigern des letzten Jahrhunderts sind diese Methoden jedoch ein wenig in Verruf geraten und finden deshalb heute vorzugsweise hinter verschlossenen Türen oder nachts statt.

Nachtarbeit kommt dem Springreiter allerdings sehr entgegen, ist er doch bekannt dafür, sich gerne auf Reiterpartys jeglicher Couleur herumzutreiben und sich bis in die frühen Morgenstunden die Füße auf dem Dancefloor oder auch den rechten Arm beim Tresenwalzer wund zu tanzen. Durch diese allgemeine Geselligkeit haben Springreiter viele Freunde, mit denen sie gerne Lästern, über andere Springreiter, Vertreter anderer Reitweisen, oder die Welt an sich. Allerdings behaupten sie stets, sie würden nicht lästern, sondern lediglich etwas feststellen.

Was sie feststellen? –Richtig, das allein Springreiten etwas taugt, und alle anderen Reitweisen definitiv schädlich, dumm und höchst verwerflich sind.

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