Die Pferdeprofis, 09.04.2016



Das Angst-Quartett reloaded

Heute iust hier richtig was los, ich bin topmotiviert und haue in die Tasten, dass es scheppert..
Aufgrund einiger Anfragen: Ja, mir ist bewusst, dass VOX nicht alle Szenen der Pferde’therapie‘ zeigen kann, sondern diejenigen auswählt, die am meisten Action beinhalten. Und, ja, es kann sein, dass dem Schnitt die Szenen zum Opfer fallen, die etwas mit vernünftigem Training zu tun haben. Ja, es kann sein, dass Jedes Mal, wenn mein Kopf auf die Tischplatte schlägt, alleine Schnitt und Drehbuch daran schuld sind. Hätte, hätte, Fahrradkette, ich weiß es nicht, weil ich weder Hellsehen kann, noch zaubern oder durch die Zeit reisen. Ich beschreibe hier nach wie vor meine vollkommen subjektive Wahrnehmung dessen, was die Redaktion geruht, uns zu präsentieren. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wenn ich falsch liege, dann freut es mich tatsächlich deutlich mehr, als wenn ich Recht behalten sollte, man hört ja tatsächlich Positives über das alltägliche Arbeiten der Hauptfiguren. Nur schreibe ich immer noch über das, was ich sehe, und nicht über das, was ich höre… Ach ja, jeder kann selbstverständlich anderer Meinung sein, das Gezeigte toll finden und die Sendung sowieso! Meine Meinung und Wahrnehmung setzt sich zusammen aus persönlichen Erfahrungen, dementsprechend können andere Meinungen und Wahrnehmungen komplett anders gelagert sein. In diesem Sinne; außer Wurst ist alles Käse, deswegen

Der Tragödie zweiter Teil, dessen fünfzehnter Akt: Von Einer, die einlud, dass Fürchten zu verlernen

Die dynamische Quadriga vom letzten Mal ist immer noch Hauptakteur in frau Prümas Teil der Show. Sonja, Stefan, Harry und Kathleen sind ja zur Intensivwoche auf dem Rosenhof eingezogen und sollen von ihren diversen Problemchen befreit werden. In der Paarung Sonja und Harry ist nicht der Puschelfuß der mit dem Problem, sondern die Zweibeinerin mit den unbepuschelten Füßen. Inzwischen kann sie Harry auch ganz prima longieren (ja, echt longieren, nicht zentrifugieren mit nem Langseil) und auch Sandra findet, dass die Beziehung der beiden durch ordentliche Bodenarbeit einen entzscheidenen Schritt in die richtige Richtung getan hat. In Richtung angstfreies Reiten nämlich. Dazu soll der gefleckte Haarball erst mal ordentlich erschreckt werden. Damit er sich am Ende nicht mehr erschreckt. Oder so. Schussfest soll er werden, durch Fahrräder, Mülltonnen und Menschen in Bettlaken. Eben die ganzen Dinge, die einem auf einem Ausritt so in die Quere kommen können, sagt Sandra heiter in die Kamera (Äääh, wo die so ausreiten, möchte ich gerne mal wissen… Anm. der Chronistin) Und stiefelt mit dem Winker an der Hand direkt auch los auf den geteerten Hof. Mit Helm (Prüüümaaa!) erklimmt sie den unschockbaren und stellt ihn mitten auf die freie Pläne. Als der Fahrradfahrer das erste Mal hinter dem Roundpen her geschossen kommt, geht die Reitkuh ab wie Möppi an die Erbsen. Da das Reiterlein aber derart in den Zügeln hängt, dass man beide Gebissringe auch locker direkt auf die behaarten Ohren hängen könnte, hält der wilde Harry nach nur dreißig gefühlten Metern Bremsweg ein mit der Flüchterei. Beim nächsten Mal hält er nach zehn Metern inne, beim fünften Mal resigniert er endlich und hält die Füße still. Deswegen soll Sonja jetzt selber mal fühlen, wie schussfest der dicke jetzt ist. Sie hat zwar immer noch Angst, will sich aber sicherlich vor Kameras und Publikum keine Blöße geben und erklimmt ihr stolzes Ross. Und siehe da, auch mit Sonja im Sattel ist der Fahradfahrer kein Problem, weder von vorne, hinten, noch von der Seite, kann er Harry aus seinem Kaloriensparmodus locken. Schließlich lässt der Zwockel sich sogar dazu herab, hinter dem Biker herzutrapsen und versucht, mit angelegten Ohren den Eindringling zu vertreiben. Ganz großes Damentennis findet Sandra, der absolute Hammer, dass der Harry jetzt Fahrräder jagt (Ich stelle mir grade die Begegnung mit einem radfahrenden Rentnerpaar beim sonntäglichen Ausritt vor und mir wird ein bisschen mulmig, Anm. der Chronistin) Sonja hat auf jeden Fall gemerkt, dass Harry alle Situationen immer unter Kontrolle hat und dementsprechend auch deutlich mehr Vertrauen in die Konstellation von sich und dem reitbaren Untersatz. Prüma, Problem gelöst, auf geht es zum nächsten Patienten.

Bereits in der letzten Folge wurde ja schon messerscharf analysiert, dass die kalte Kathleen in ihrem vorherigen Leben diverse Traumata erlitten haben muss und dementsprechend jetzt ein Angstpatient der allerersten Güteklasse ist. Weil Stefan sich aber rührend um seine dicke Freundin kümmert und sie dauernd betätschelt, will Sandra es dennoch wagen, sie wieder zum Reitpferd umzumodeln, obwohl sie sich anfangs nicht sicher war, ob man eine dermaßen zutiefst verstörte Pferdeseele überhaupt würde retten können. Dazu will sie zunächst Kathleens Angst vor Gegenständen beheben. Zu diesem Zweck hupft sie mehrfach behände mit einem Handtuch in der Hand auf die kalte Tante zu um sie daraufhin beherzt mit selbigem abzureiben. Nachdem sie das Handtuch sogar auf den breiten Rücken legen kann, will sie es gegen sich selbst ersetzen und es tatsächlich wagen, auf Kathleen zu reiten. Dazu führt sie die Baumrückelfe an einen parat gestellten Jausentisch und versucht von dort aus in gekrümmter Haltung auf den Pferderücken zu rutschen. Weil Kathleen aber immer wieder beiseite tritt und Sandra nach eigener Aussage so signalisiert, dass sie das mit dem Aufsteigen noch nicht so richtig cool findet, geht Frau PRüüma das Problem ganz langsam an. Nach dreißig Sekunden sitzt sie aber drauf auf der kalten Alten und kann zehn Meter im Schritt geradeaus dümpeln. Sie bedankt sich überschwänglich bei Ross und Besitzer und dem kompletten Universum, rutscht von Kathleen und alle freuen sich wie Bolle.




Weil es aber nichts bringt, wenn die dicke Trulla nur von Frau PRüüma ohne Sattel zehn Meter i Schritt pilotiert werden kann, muss da schließlich wieder ein Sattel drauf. Für Stefan, der anscheinend ohne Sattel nicht kann, aber nach seinem verhängnisvollen Sturz vor vier Monaten unbedingt wieder möchte. Gesagt getan, eine westernpritsche (die auf dem Riesentier aussieht wie ein Platzdeckchen auf der Kaffeetafel von meiner Oma, Anm. der Chronistin) wird auf Kathleen verzurrt und Frau Pferd in der Reithalle neben einer Aufstieghilfe geparkt, auf der Stefan wartet. Nachdem bereits bekannten Gewackel der Dicken kann Stefan dann endlich den für ihn so wichtigen Schritt wagen und lässt sich gekonnt von oben in den Sattel krachen. Folgerichtig zieht die gute Stute den Hintern auch mal kurz unangenehm überrascht ein und spannt für einige bange Meter den breiten Rücken mächtig nach oben. Da Stefan in der etwas knapp dimensionierten Sitzfläche des Westernsättelchens aber eingepasst sitzt wie ein Korken in einer Sektflasche und sich nach eigenem Bekunden wirklich wohl fühlt, sowohl auf der Stute als auch in dem Sattel, merkt die kluge Kathleen alsbald, dass ihr nichts geschieht, erklärt der kluge Kommentator. Stefan lässt sich frohgemut dann auch ein paar ziel- und lenklose Runden durch die heiligen Hallen schleppen und ist, natürlich, quietschvergnügt. Sandra lässt uns wissen, dass es für das Pferd überhaupt nicht wichtig ist, dass stefan nicht der beste Reiter unter der Sonne sei, sondern einzig und allein, dass er sich bemühe und sein Pferd aufrichtig liebe. Das habe er ja bereits mit dem ganzen einfühlsamen Gestreichel bewiesen, pflichtet der kluge Kommentator Frau Prüüma bei und setzt ihre therapeutischen Fähigkeiten och einmal in das ihnen gebührende gleißend helle Licht. Ohne die würde Kathleens Pferdeseele wohl immer noch in einem dunklen Löchlein hausen.

Einen Schnitt und diverse Wochen nach Beendigung der intensiven Therapiewoche kommt Sandra mit dem gefleckten Pepper (Man, die hat nicht nur zu jedem Anlass eine passende Reitbuxe, sondern auch zu jedem Patienten ein farblich abgestimmtes Pferd im Stall, ihr seht mich ein bisschen neidisch, Anm. der Chronistin) bei Sonja und Stefan im Offenstallparadies vorbei um sich live und in Farbe ein Bild vom Fortschritt der Patienten zu machen. Sie wird freudig begrüßt, von einem Esel, einem Pony mit Maulkorb und Sonja, die ihr Einlass gewährt. Zusammen möchte man heute einen Ausritt wagen, Sonja hat zwar immer noch ein bisschen Manschetten, ist im Allgemeinen aber viel sicherer geworden was das Reiten anbelangt. Stefan braucht nach wie vor siebzehn Anläufe um (diesmal deutlcih geschmeidiger) seine kalte Lady zu erklimmen, kann mit dieser Eigenheit der Kalten aber sehr gut leben und ratter direkt mal los, ohne Lenk- und Bremsmanöver geradeaus ins Unterholz. Das ist aber nicht schlimm, kann doch der Profi den eigenen reitbaren Unterssatz auch nicht lange genug stillhalten um einen vernünftigen Abschlussatz in die Kamera zu trompeten und deswegen reiten alle gemeinsam in gemächlichem Schritt in Richtung Sonnenuntergang. Prüüma mal wieder, alles tiptoptoll, alle glücklich.

Alle glücklich? Alle Anwesenden vielleicht, ich persönlich leider nicht. Welche Kernaussage hat dieser Teil der Sendung bitte haben sollen? Ich habe lange nachgedacht und komme zu einem wirklich glasklaren Leitmotiv:
Sie brauchen nicht reiten lernen, liebe Pferdeliebhaber. Es genügt vollkommen, wenn sie gute Absichten haben, dass wird ihr Pferd schon verstehen und jeglichen Bockmist, den sie obendrauf verzapfen gegen das gute Essen und die Streicheleinheiten vom Boden aufwiegen und zu dem Schluss kommen, dass Sie auf der Beliebtheitsskala immer noch im Positivbereich zu finden sind.
Und wenn es wirklich mal zu bunt wird und ihr Pferd keine Lust mehr hat, ihre unkoordinierten Bewegungen zu tolerieren, dann geben sie es kurz zum ProVieh, der biegt es schon so wieder hin, dass Sie wieder drauf rumholpern können…

Und das, meine Lieben, ist leider eine wirklich ungünstige, ja regelrecht doofe Kernaussage. Ich hoffe wirklich, dass parallel zu Kathleens Problemen an Stefans reiterlichen Fähigkeiten gearbeitet wurde, aber sehen durften wir das ja leider nicht. Es ist absolut keine Schande nicht oder schlecht reiten zu können, aber es wäre eine Schande, nicht zu versuchen, sich zu verbessern. Ich hoffe, dass diese Sendung nun nicht einen Einzigen blutigen Anfänger dazu verleitet, sich ein Problempferd zuzulegen und ihm aufgrund von großzügig zugeteilter Liebe ein paar Ritte abzunötigen. Bei Kandidaten die weniger genügsam sind als Kathleen kann das zu schweren Verletzungen führen (Moment, hat es ja bei diesem Dreamteam im Vorfeld auch schon…) und ist zwar eine Streicheleinheit für die Wendyseite unserer Pferdeseele aber ein rotes Tuch für den rationalen Teil des Gehirns.

Ansonsten empfehle ich, Desensibilisierung und Antischrecktraining bitte nicht auf versiegelten Flächen ohne Einfriedung durchzuführen, aber das ist ein schlichter Erfahrungswert, der viel mit Asphaltflechte in meinem ehemals fast hübschen Gesicht und bangen Minuten des Einfangens freilaufender Pferde von Hauptstraßen zu tun hat. Insgesamt bleibt mir noch eins zu sagen: Reiten ist auch wenn man alles nach bestem Wissen und Gewissen ausführt, ein verdammt gefährlicher Sport. Tun wir uns und unseren Angehörigen doch alle den Gefallen und sorgen nicht durch rosarotes Wendydenken dafür, dass wir mit dem einen Bein permanent im Grab stehen, während uns die Pferde doch eh die Haare vom Kopfe fressen und es somit nach unserem Ableben ohnehin nichts zu erben gibt…

 

Der Link zur Sendung auf TVNow (ehmals VoxNow):
http://www.tvnow.de/vox/die-pferdeprofis/list/staffel-4/wallach-columbus-pferdepaar-harry-und-kathlene

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