Die Pferdeprofis 19.3.2016 Wegfindungsprobleme



Das hier kennt ihr ja schon: Nach wie vor betrifft meine hier als minimal ironische Zusammenfassung wiedergegebene Kritik hauptsächlich diese unsägliche Form einer Fernsehsendung, die uns zeigen möchte, wie so richtig ernst zu nehmende professionelle Pferdetrainer die diversen Probleme unserer vierbeinigen Partner therapieren. Ich bete und hoffe nach wie vor, dass dieser ganze, sorry, Bullshit, einzig und alleine für die Kameras provoziert und extra dämlich und spektakulär geschnitten wird, und in heimatlichen Gefilden ohne Scheinwerferlicht beide Hauptakteure einen vernünftigen Job abliefern. Beurteilen kann ich das aber nicht, und wer nicht möchte, dass man sich öffentlich über ihn äußert, der möge bitte demnächst das Antlitz aus der Glotze halten. Gilt im Übrigen genauso für alle Problemfährdebesitzer die sicherlich (und hoffentlich) in Echt überhaupt nicht so unfähig sind wie uns von VOX präsentiert wird

Der Tragödie zweiter Akt, dessen neunter Teil: Der Chester will zu Hause bleiben

Sandra ist wieder mal unterwegs. In letzter Zeit neigt sie ja generell eher zu ambulanten Therapien, ganz im Gegensatz zu ihrem ProVieh-Kollegen, der jegliches Ungetier gleich auf die MRanch seines Ex-Azubis schleift. Vielleicht hat Frau Schneider einfach alle Rosenhofboxen belegt, auf jeden Fall ist sie aber heute mal im schönen Wermelskirchen ihr Unwesen treiben. Da wohnt nämlich der schulpferdbraune Warmblödwallach Chester nebst Besitzerin Sabrina, die eigentlich das perfekte Dreamteam bilden. Also fast immer, es sei denn, Sabrina möchte mit ihrem blöden Warmen vom Stall wegreiten. Also zum Reitplatz oder zur Halle oder ins Gelände. Halt einfach nur weg. Da ist es dann vorbei mit der Teamfähigkeit des Kastraten. Er macht auf dem Absatz kehrt und wenn Sabrina versucht, etwas dagegen zu unternehmen, wird er obendrein ganz schön zickig und steigt und bockt, dass es eine rechte Freude ist. Einfach mal entspannt wegreiten, zur Halle, zum Platz, zum Nachbarn, oder einfach nur au-, das wäre schön, sinniert Sabrina in die Kamera. Weil ein Pferd, dass nicht weg will, immer einen Grund hat, das nicht zu wollen, will Sandra, so erklärt sie uns, diesen Grund finden und abstellen.

So weit so gut, sie begrüßt den Wallach und seine Reiterin auch glucksend freundlich und fordert letztere sogleich auf, das Tier zu satteln und den Casus Knacktus live zu demonstrieren. Chester ist nachsichtig und lässt Sandra nicht so wahnsinnig weit vom Stall wegstiefeln, bereits nach einem Viertel des kleinen Hügels, der zu erklimmen wäre, macht er auf dem Absatz kehrt und tritt die Rückreise ins traute Heim an. Diese Sequenz wird filmisch diverse Male aus diversen Perspektiven dokumentiert, wobei dem geneigten Betrachter ins Auge fällt, dass Chester bei jedem Perspektivenwechsel einen anderen Beinschutz trägt. Mal Glocken vorne, mal nur Gamaschen hinten, mal Gamsachen vorne, etc. (die können die Pferde im Fernsehen wirklich schnell an- und ausziehen, könnten glatt bei mir als Pfleger anfangen, Anm. der Chronistin) Sabrina kann ihn trotz Fahrleinen von dieser Idee abbringen und dividiert das Geschoss wieder in Fahrtrichtung, wo Sandra es nun mit einer neuen Taktik probiert. Sie krümmt sich wie Quasimodo und gurrt den großen Braunen an, und erklärt dem geneigten Zuschauer, dass sie ihn einladen würde, ihr zu folgen. Ob er der Einladung Folge leistet, oder einfach nur wissen will, was der buckligen rothaarigen da vorne eigentlich wehtut, erfahren wir natürlich nicht, auf jeden Fall wackelt Chester ganz artig einige Meter weiter den Weg hoch und alle rasaten schier aus vor Freude. Sandra erklärt uns, dass Chester wohl sehr unsicher sei, und einfach zu wenig Führungsperson um freiwillig und frisch voran ins Unbekannte zu stolpern. Deswegen blockiert der Kollege auch jedes Mal aus, wenn Sandra sich hinter seine Schulter zurückfallenlässt. Vielleicht folgt er aber auch nur weiterhin ihrer Einladung und will gucken, ob er den ProVieh aus Versehen verloren hat. Ansonsten könnte er ja nämlich auch dem Kameramann folgen, der ihm face-to-face vorauseilt. Als Chester es schließlich übers Herz bringt, drei Meter vor Sandra her zu wackeln, sind alle ganz stolz auf seinen Wagemut, Sabrina soll ihn umdrehen und lobenderweise nach Hause zurückkehren.

Richtig so, immer mit was Positivem aufhören, denkt der geneigte Zuschauer, aber es soll anders kommen. Sandra ist nämlich mit dem massiven Selbstfindungsproblem des großen Jungen so unzufrieden, dass sie das ganze Prozedere wiederholen möchte, hierfür hat sie sich aber bewaffnet. Mit dem altbekannten Flatterstock, der schon so manchem phlegmatischen Pony Beine gemacht hat rennt sie hinter Chester her und frackt ihm jedes Mal in passender Schlagdistanz zu seinen Hinterfüßen welche auf den Poppes, wenn er umdrehen will. Da Chester aber anscheinend ein anständiger und wohlmeinender Kerl ist, schlägt er nicht nach Sandra aus um sein Training und die Sendung frühzeitig zu beenden, sondern richtet seinen Unmut gegen die recht passive Sabrina im Sattel. Die hat nämlich trotz aller ihr vom klugen Kommentator zugesprochenen Erfahrung mit Pferden gepflegt die Hose voll. Wer könnte es ihr verdenken, hat der Kollege doch inzwischen mächtig aufgedreht und steigt, bockt und schlägt wütend mit dem Vorderbein, während Frau PRüüma mit durchdringendem „Nacknacknack“ vor sich hin papagallot und mit beblausackter Gerte um sich drischt. Irgendwie ist die ganze Prozession dann auch wieder am Stall angekommen und Sabrina ist mit den Nerven am Ende. Unter Tränen fasst sie ihre Angst in Worte, Sandra findet das zwar nachvollziehbar, will dem Chester diese Flausigkeiten aber nicht durchgehen lassen, würde er doch sonst lernen, dass man mit derlei Frechheiten Erfolg hat. Außerdem kann der ProVieh sich leider auch nicht selber in den Sattel schwingen, Sabrina muss ja schließlich selber mit dem Huftier klarkommen, dementsprechend soll sie gefälligst ihren Allerwertesten im Sattel behalten. Dementsprechend geht es unter abwechselndem „Nacknacknack“ und „Prüüüüüma“ wiederum geführt zehn Meter den Weg entlang, bis Sandra der schluchzenden Sabrina endlich erlaubt, das Geschoss zu wenden und für heute die Reiterei an den Nagel zu hängen. Darüber sind alle sehr glücklich, vor allem Chester, der nämlich aufgrund der nervenaufreibenden Nummer mit den beiden Damen so unglaublich müde ist, dass er gähnen muss, sagen sowohl Sandra als auch der kluge Kommentator. (Gähnen kann eine Vielzahl anderer Gemütsregungen ausdrücken, tatsächlich sogar ein Anzeichen für ein Magengeschwür sein, Anm. der Chronistin.)




Vier Wochen später hat Sandra eine neue Taktik ausgebrütet. Frohen Mutes stapft die durch die Wermelskirchener Prärie und erklärt uns, dass ein rückwärtsrennendes Pferd sehr grade sei. Deswegen soll Sabrina das Pferd nun bei Blockaden auf der Stelle drehen und durch die Längsbiegung den Kollegen erweichen und dem geraden Rückwärtsgerenne einen Riegel vorschieben. So weit, so gut, die ersten drei Male klappt die Brummkreiseltaktik vorzüglich. Chester scheint endlich geschnallt zu haben, dass es deutlich angenehmer ist, entspannt geradeaus zu laufen, als sich selber seitlich in die Schulter beißen zu müssen und gleichzeitig ein paar anständige Tritte in den Allerwertesten zu kassieren. Damit sind alle erst mal wieder glücklich und vertagen ihre Sitzung.

Beim nächsten Mal erklärt uns Sandra, dass der Chester einfach zu clever ist. Der lerne so unglaublich schnell, dass man sich stets etwas neues einfallen lassen müsste, um ihn zu überlisten. Deswegen wird der Kastrat nebst Sabrina im Sattel kurzerhand bis zum nächstgelegenen Dorf geführt. Weit weg von Zuhause entlässt Sandra das Gespann in die Wildnis und brüllt aus der Entfernung Anweisung zur minimal überforderten Reiterin. Die ist sich ihrer Unsicherheit im Sattel durchaus bewusst, versucht aber tapfer die gekreischten „Hand hoch“ „rum rum, Kopf rum“ und „bieg ihn“ Anweisungen umzusetzen. Am Ende finden alle drei glücklicherweise einen Konsens und watscheln einen Waldweg entlang. Eine darauf gelegene Pfütze wird mit einem beherzten Satz überwunden, was wiederum zu glucksender Glückseligkeit führt, weil selbst kleinste Rinnsale beim Chester früher die Automatik unweigerlich auf Rückwärtsgang umprogrammiert hatten.

Weil alles so toll verlaufen ist, treffen sich alle mit Kamera vier Monate nach Trainingsbeginn am heimatlichen Stall wieder, um den Erfolg der Therapie zu dokumentieren. Sabrina, inzwischen auf gebisslos umgestiegen, stapft mit ihrem blöden Warmen unverdrossen den einst so verhassten Hügel hoch, dieser zeigt sich voll motiviert. Ein wenig zu motiviert, trabt er doch überschwänglich an, woraufhin seine Reiterin aufgrund des Gleichgewichtsverlustes kurz in Rückenlage gerät. Da freut sich Frau Prüma mit Grinsekatzengroßaufnahme für die Kamera, wiedermal Fall gelöst, alle tiptop zufrieden.

Jap. Fall gelöst. Unbestreitbar. Aber warum, WASRUM, hat sie heute nicht gesagt: „bitte nicht nachmachen?“ Der Untertitel „Wie nehm ich mir als Pferdetrainer möglichst schnell das Leben, Folge 1“ wäre diesem unsäglichen Fernsehformat heute wirklich gut zu Gesicht gestanden. Wie kann man mit einer 1,20 m langen Gerte hinter einem steigenden und bockenden Pferd stehen und während dieses immer weiter dicht macht, in passender Schlagdistanz rumwedeln? Wie kann ein „professioneller“ Pferdetrainer eine derart ängstliche Reiterin so dermaßen alleine lassen und ihr erklären, sie müsse da jetzt halt mal durch? Warum in HerrGottsNamen erklärt sie uns erst lang und breit, man müsse die Ursache für die Komplettverweigerung herausfinden und holt dann lieber gleich die Brechstange raus, deren Handhabung sie ungefähr so beherrscht wie ich das Fliegen einer Präzisionsdrohne? Warum zum Geier setzt so ein „erfahrener“ Pferdetherapeut sich nicht ein einziges Mal selber auf das Objekt der Therapierungswut um zumindest selber mal zu fühlen, was da zwischen den Sattelblättern abgeht und alternativ da mal ganz entspannt drüber weg zu reiten? Das Ziel mag erreicht sein, aber ich gebe offen zu, ich habe genau so einen Wegfindungskonflikt wie Chester. Ich habe keine Ahnung, wie sie da hin gekommen sind, wo sie am Ende waren, an den im Fernsehen gezeigten Trainingsmethoden von Frau Prüma kann es nicht gelegen haben. Oder es war ein Glückstreffer. Alternativ kann es natürlich auch einen größeren Plan geben, den ich bislang einfach noch nicht durchschaut habe: Man nervt das Pferd solange mit so unglaublich lebensmüden und dilettantischen Aktionen wie oben beschrieben, bis es schließlich Mitleid bekommt und einfach das tut, was man von ihm will. Das probiere ich glaube ich morgen mal mit meinem renitenten Junghengst.

Also, wenn ich mich hier nicht mehr melde, ihr wisst, warum…

Schreibe einen Kommentar

Facebook