Die Pferdeprofis 26.03.2016



Vollblut voll dagegen.
Und zack, bin ich überrundet. Manchmal läuft es so im Leben. Man will so viel und kann nicht alles schaffen. Aber wir bleiben hübch brav in der Timeline, gut Ding will Weile haben, ich bemühe mich nach Kräften…
Immer wieder gerne: Das hier ist mine eigene, vollkommen subjektiv wiedergegebene Wahrnbehmung einer Fernsehsendung, die öffentlich ausgestrahlt wird. Ich erhebe keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, chronologischer und sachlicher Korrektheit oder gar irgendeiner Form von Wahrheit in meinen Beiträgen!
Der Tragödie zweiter Akt, dessen elfter Teil: Die undankbare Schimmelinte

Der Bernd ist auf Tour. Weit weg von den heimisch bayuvarischen Gefilden zeigt er landauf- landab den Problempferden und Problembesitzern, wie sie im Nu durch wohlüberlegtes Training zu vernünftigen Pferden und Besitzern werden können. Auf einer dieser Touren hatte er anno dazumal die heutige Problemfährdebsitzerin Julia kennegelernt. Und die wollte wohl gerne mal ins Fernsehen, deswegen hat sie sich ein Problemfährd gekauft. Wobei, gekauft ist nicht das richtige Wort, sie hat eins gerettet. Von der Rennbahn, also nicht richtig von der Rennbahn, sondern von ceinem Zwischenhändler. Die schicke schimmelige Naira wurde nämlich mit 1,5 Jahren schon angeritten und war dann zu langsam, um im Galoppsport Fuß zu fassen. Deswegen musste sie dringend gerettet werden und hatte das unglaubliche Glück, Julia in sich reinverliebt machen zu können.

Bei Julia in Köln könnte NAiras gerettetes Leben auch ganz einfachsein, wenn die Besitzerin nicht ab und zu ein gewisses Entgegenkommen für die Rettung erwarten würde. Sie wollte nämlich eigentlich ein Reitpferd und keins, was nur dekorativ in der Gegend rumsteht. Da Naira es aber überhaupt nicht einsieht vom Galoppsport in den Freizeitsport überzuwechseln, hat sie, wie wir eindrucksvoll im Einspieler zu sehen bekommen, ein paar wirklich effektive Tricks auf Lager um jedwede Form von Arbeit im Keim zu ersticken. Ein mit dem hübschen Accesoire eines pinken Hufverbandes versehenes graues Etwas rast an einer Longe um Julia herum, legt die Ohren an, bleckt die Zähne, steigt und wedelt mit den Vorderbeinen nach der Dame am anderen Ende der Leine. In Zeitlupe und mit dramatischer Musik unterlegt ist auch dem letzten Döspaddel klargemacht, dass dieses Pferd dringend in ProVieh-Hand gehört. Julia möchte reiten, aber ohne longieren kann das von der Rennbahn vollkommen unbemuskelte Pferd die für das Reiten benötigte Muskulatur natürlich nicht aufbauen, weiß der kluge Kommentator. Doch zum Glück gibt es ja ZöppelBerni, der nonchalant des Weges kommt und sich das ganze mal aus der Nähe anschauen möchte. Auch er bekommt nochmals die Rettungsgeschichte zu hören, das findet er nicht so richtig spannend, er will das Duo lieber in Action bewundern. Action kann er haben, Naira hat nämlich immer noch keine Lust auf Longenarbeit und Julia immer noch kein Mittel um sie zu irgendwas zu motivieren.

Bernd analysiert eiskalt, dass die Rennsemmel einfach mal null Respekt vor dem zweibeinigen Möhrenspender hat und muss dementsprechend demonstrierend eingreifen. Er zeigt der Schimmelinte mal, dass es auch Leute gibt, die ein Langstrick in die Hand nehmen und keine Lust haben, beim Longierversuch die Schulter ausgekugelt zu bekommen. In altbekannter Zentrifugenmanier scheucht und zischt und klatscht er und am Ende der Einheit wackelt das Vollblöd kuhäugig auf beiden Händen in der Runde. Julia hat zwar keine Ahnung wie dieser schnelle Erfolg zustande gekommen ist, freut sich aber extra doll. Bernd findet, dass die Patientin eindeutig in stationäre Betreuung gehört und beordert sie heim in den Freistaat Bayern. Dort eingetroffen will Bernd mit der Ex-Galopperin auf dem Reitplatz das in Köln gelernte wiederholen. Diese hustet ihm aber was und stellt sich blöd. Vollblöd geradezu, sodass Bernd jetzt mit härteren Bandagen kämpft. Weil er bei diesem einen speziellen Kandidaten aufgrund nicht näher benannter Umstände nicht mit der Allzweckwaffe Knotenhalfter kämpfen möchte, schlingt er der renitenten Frühergrauten ein Lasso um die Kehle und führt daran seine Übungen fort. Da das Tierchen clever ist, hat sie nach ganz kurzer Zeit begriffen, dass akuter Sauerstoffmangel aufgrund von Arbeitsverweigerung keine Option darstellt und trottet artig immer in die Richtung, die HacklBernd ihr vorgibt. Julia ist hellauf begeistert und verabschiedet sich.




Beim nächsten Besuch von Julia und der Kamera sind vier Wochen vergangen und Naira hat einen schlechten Tag. Unwillig präsentiert sie sich die Vollblödlerin und vollkommen rückfällig in alte Verhaltensweisen. Trotz inzwischen verpasstem Knotenhalfter und neonfarbener Bandagen, die notdürftig über ein rivanolgelb gefärbtes Vorderbein hinweg blenden, führt sich die Rennsemmel auf wie ein echter Galopper. Sie schnaubt und tänzelt und will alles aber nicht mitarbeiten. Zöppl erklärt Julia, dass dieses Missverhalten erstens am bayerischen Kaltsommer, zweitens am Wind und drittens an den anderen Pferden auf der Weide liegt, es aber ja nichts nütze und er deswegen die Schimmelinte trotzdem zur Feier des Tages erstmalig erklimmen möchte. Da so ein VBollblöd größer ist als die ganzen Westernponackel, die der Hackl sonst so zu reiten hat, kommt beim erheben des linken Fußes in Richtung Steigbügel deutlich Spannung auf die Reitjeans. Selbige verabschiedet sich dann auch folgerichtig direkt unterhalb des Pöters mit einem schrillen Ratschen. Diese kleine Panne nötigt Julia ein ordentliches grinsen aus Gesicht, Bernd lässt sich aber auch von einem freigelegten Oberschenkelhals nicht von seinen Reitplänen abbringen. Schließlich hat er ja sein Führseil am Knotenhalfter einseitig dabei und kann so die graue Eminenz durch vorne zuppeln und hinten treten zu kleinen Kreisbewegungen linksrum motivieren. Alle sind erleichtert, hätte die Julia doch vor kurzem nicht im Traum daran gedacht, dass das verrückte Rennhuhn mal ein Reithuhn werden könnte. Und mit der obligatorischen Westernpritsche zu den pinken Bandagen macht ihre Schimmelin auch optisch ganz nett was her, findet sie.

Beim letzten, finalen, Besuch, soll Julia nun ins kalte Wasser, pardon, auf ihr mit neuen Schlüsselqualifikationen ausgestattetes Pferd geworfen werden. Bernd hat zwar keine Ahnung ob und wie gut Julia so reiten kann, wenn er es nicht ausprobiert, wird er es ja aber auch nie erfahren. Auß0erdem vertraut er Naira, die er inzwischen zu einem ansprechenden reitbaren Untersatz umgepolt hat, da ist er sich sicher. Deswegen verfrachtet Julia ihre immer hübsch drapierte Haarpracht unter dem für Kunden inzwischen obligatorischen „Topf auf dem Kopf“ und ihren Allerwertesten auf den geretteten Galopper. Bernd dreht sich weg von seinen Schützlingen, um dem geneigten Zuschauer zu erklären, dass er gerne sehen würde, wie Julia reagiert, wenn Naira mal einen Satz zur Seite macht und prompt tut die Schimmelinte ihm den Gefallen und hupft im Hintergrund lustig vom Hufschlag in die Bahn. Weil Julia auf Zuruf aber mit Kringelreiten durch Ein-Zügel-Bremse die Situation schnell wieder unter Kontrolle hat, ist Bernd recht optimistisch und ordnet das einlegen des nächsthöheren Ganges an. Naira trabt denn auch an, oder zumindest sowas in der Art. Sie humpelt durch die Ecken, dass man die Räder durch die Mattscheibe quietschen hört. Ob die Unreinheit vorne rechts dem Hufverband ganz am Anfang, der Rivanolbehandlung in der Mitte oder der im Zügel hängenden Reiterin geschuldet ist bleibt der Phantasie überlassen, allerdings hatte den geneigten Zuschauer schon der Weg zum Reitplatz stutzen lassen, auf dem die Wunderstute vorne schon nicht so richtig zutreten wollte. Sowohl Bernd als auch Julia sind vollkommen zufrieden mit sich und der Welt und finden Nairas Entwicklung vom traumatisierten, geretteten Galopperzausel zum oranje-bandagierten Reitpferd mit Besitzerin obenauf voll doll toll.

Na super, alle glücklich, der Patient humpelt, ist aber nicht tot. Und nein, im Gegensatz zu Trabern kenne ich mich mit Blütern aus, die laufen nicht rassetypisch dreirädrig durch die Gegend. Und nein, auch wenn das Pferd „nur“ Taktfehler macht oder zügellahm ist, reitet man nicht weiter und freut sich vor allem nicht wie ein Monchichi über die grandiosen Fortschritte. Oder man erkennt halt nicht, dass der Zampel nicht grade läuft, der eine siehts nicht, die andere hat nicht genug Feingefühl respektive Erfahrung im Hinterteil. Dann sei das Gegrinse verziehen, ich kann aber trotzdem nicht lachen.

Ein kleines Fazit: Bis auf das Gehumpel am Schluss hätte man diesen Teil der Sendung so stehen lassen können, das ist in meinen Augen allerdings unverzeihlich. Dazu kommt der Fokus auf die Rettung der armen gequälten Rennpferdekreatur. Nur mal so: Rennpferde werden im Rennen geritten, will heißen, sie kennen das Reitergewicht auf ihrem Rücken. Rennpferde sind in beeindruckender Mehrheit hervorragend erzogen, kultiviert und sehr gut longiert. Rennpferde werden zwar häufig sehr früh ins Training genommen (und das will ich weiss Gott auch nicht verteidigen) , aber eigentlich nicht mit 1 ½ Jahren. Wirklich viele Rennpferde müssen, auch wenn sie zu langsam sind, auch gar nicht gerettet werden. Es reicht, wenn sie ein fortgeschrittener Reiter kauft und sie vom Rennreit- zum Reitpferd ummodelt. Und genau das ist der Punkt: Fortgeschritten und erfahren sollte dieser Reiter sein, nicht „erfahren“ im Sinne dessen, was wir wöchentlich bei VOX zu sehen bekommen. Liebe Hobby-Reiter: Ich weiss, es ist nur gut gemeint, aber auch wenn das angebotene Pferdchen so niedlich guckt und der Händler euch eine richtige Tränendrüsengeschichte auftischt: schwierige Pferde, Pferde, die man retten möchte, sind Anfängern ganz furchtbar oft überhaupt nicht dankbar. Wenn es ganz doof läuft sind sie für den goldherzigen Retter sogar richtig gefährlich. Im vorliegenden Fall ist es wohl alleine viel Dusel und dem eigentlich guten Charakter der Schimmelin zu verdanken, dass niemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist. Ja, ausgemusterte Rennpferde oder Problemfälle im Allgemeinen sind oft sehr günstig undbringen trotzdem viele der gewünschten Traumpferd-Eigenschaften mit. Gerade für unbedarfte Personen lohnt es sich aber, noch ein Weilchen zu sparen und das Geld dann lieber für ein passendes Pferd ohne Vorschaden auszugeben, als für ProViehs oder plastische Chirurgen, die abgebissene oder weggetretene Körperteile wieder anflicken.

Link zum Video auf TVNow (ehmals VoxNow):
http://www.tvnow.de/vox/die-pferdeprofis/list/staffel-4/wallach-watabi-schimmelstute-naira

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