Die Pferdezucht



Öfter mal was neues…

Zwischen Küchenkatastrophen und gekauftem Schokopudding muss ich heute mal was über Pferdezüchter schreiben.

Ich bitte höflichst, diese Glosse als das hinzunehmen, was sie ist: Eine überspitzte und vollkommen unzulänglich formulierte Sammlung an Vorurteilen. Ich bin selber Züchter und weiss, das auf die meisten unserer Spezies nichts davon zutrifft. Nur die ersten zwei Absätze, die treffen auf mich zu, und das in ganz besonderem Maße…

Pferdezüchter sind Verrückte. Ausnahmslos. Im Gegensatz zu den Reitern ziehen sie aus ihrem Hobby nicht einmal sportlichen Nutzen. Nein, sie verbringen ihre kostbare Freizeit damit, die Exkremente von ihren Tieren wegzuputzen, ihnen unter Einsatz von geistiger und körperlicher Gesundheit ein bisschen gutes Benehmen abzuringen und ihnen Stund um Stunde auf Bildschirmen oder live dabei zuzusehen, wie sie absolut nichts machen, ohne irgendetwas davon zu haben.

Die meisten Züchter züchten aus Leidenschaft, manche auch auss Langeweile, wieder andere aus purem Zufall. Züchter ist derjenige, der eine Stute besitzt, die gedeckt wird, und nachher tragend wird. Soweit die offizielle Definition. Inoffiziell ist Züchter derjenige, der so bescheuert ist, jede Menge Zeit, Geld und Herzblut zu investieren, nur um einmal das Gefühl erleben zu können, ein kleines Fohlen mit Mutti auf der Wiese rennen zu sehen. Wenn Züchter keine Züchter geworden wären, könnten sie auch genauso gut Hundert-Euro-Scheine durch einen Reißwolf drehen und vor Rührung feuchte Augen bekommen, wenn am Ende dünne, bunte Papierfetzen herauskommen. Da würden sie zu mindestens hinsichtlich des Faktors Zeit deutlich besser wegkommen.

Da ein Pferdezüchter aber Pferdezüchter ist, handelt er als reiner Idealist. Das beginnt schon mit der Auswahl der passenden Stute. Der gute Züchter macht sich so seine Gedanken. Nur das Beste sol schließlich in die Zucht. Deswegen ist es so praktisch, dass so viele von den besten Stuten aufgrund von ‚Unfällen, chronischen Erkrankungen, schlechten TÜV-Befunden und Unreitbarkeit von ihrem Job als Sport- oder Freizeitkracher Abstand nehmen und somit die goldene Tafel Schokolade im Huf halten und Eintritt in die Zucht finden. Diese Stuten sind leider manchmal schon dem besten gebärfähigen Alter um fünf bis zehn Jahre entwachsen, deswegen muss man dort der Natur ihren Lauf lassen. Für diese Exemplare findet sich immer ein zwei- bis fünfjähriger Hengst eines Züchterkollegen, den dieser aufgrund von oben beschriebener zeitlicher und monetärer Misere bislang noch nicht kastrieren lassen konnte. Wenn dieser Mitglied einer der der Stute entfernt ähnelnden Gattung ist, kann man sogar ein wenig absehen, was dabei rauskommt, wenn nicht wird’s vielleicht wenigstens ein süßer Mix, der zu mindestens zum rumstehen gut genug ist. Oder eben wieder für die Zucht.

Wenn die sorgsam ausgewählte sich aber nicht mit einem dahergelaufenen Rabauken vergnügen soll, will der zukünftige Partner gut gewählt sein. Gekört muss er definitiv sein, sein Körperbau perfekt, die Reiteiogenschaften herausragend. Bewegen soll er sich wie Totilas, springen muss er Hochhäuser. Stoppen und spinnen aus dem FF, hunderte von Kilometern von Distanzen muss er rennen können. Tölt und Pass sollte er von Natur aus anbieten, und natürlich einen Traumcharakter, so gehört sich das für einen echten Gentleman. Vollkommene Schönheit soll er mitbringen, die (auf jeden Fall absolut minimalen) Schwächen der Stute soll er ausbügeln, und die ohnehin schopn positiven Attribute soll er mannigfaltig verstärken. Züchter wälzen tagelang Hengstprospekte, besuchen Schauen und Gestüte, befragen YouTube und einschlägige Foren, um sich schließlich und endlich in einer Nacht- und Nebelaktion doch für den Hengst zu entscheiden, der aufgrund eines vorzeitigen Eisprungs bei der lieben Stute zwar einigermaßen vertretbar aber vor allem verfügbar ist. Dann wird je nach Rassenpräferenz ganz romantisch im Tète a tète mit Mr. Hengst oder auch komplett steril durch menschliche Besamungstechniker mit Hengst im Röhrchen(frisch oder schockgefrostet) die gute Stute beglückt. Dann beginnt das bange Warten. Nach ca. 16 Tagen kann man den kundigen Tierarzt nach dem Erfolg der Romanze befragen, bewaffnet mit einem Ultraschallgerät kann dieser dann das Erlösungswort für jeden Züchter sprechen: ‚TRAGEND‘
Wenn der Züchter aber aus oben genannten Gründen kein Geld oder keine Zeit mehr für den Tierarzt hat, kann er auch einfach 11 Monate warten. Wenn dann auf einmal ein Fohlen neben der Mutter steht, weiß er immerhin auch, was sie vorher war: TRAGEND.
Die durchschnittlich 335 Tage von der Befruchtung bis zur Niederkunft verbringen Zuchtstuten vor allem mit dreierlei Dingen: Fressen, Rumwalzen und Zickig sein. Der Züchter versucht dcerweil seinem Augenstern einen jeden Wunsch von den Augen abzulesen, trägt sie doch seine gesamten züchterischen Hoffnungen in ihrem immer fülliger werdenden Laib. Das ist der werdenden Mama indes herzlich egal, sie ist, ganz Materialistin, lediglich an der Erfüllung ihrer Wünsche interessiert.

Wenn die Geburt schließlich näher rückt, verfällt oft der ganze Züchterstall in helle Aufregung. Ein geeignetes System zur Geburtsüberwachung muss her, schließlich soll die gute Stute auf keinen Fall alleine in den Wehen liegen. Irgendjemand muss ihr Hüfchen halten und vor allem dafür sorgen, dass das wertvolle Fohlen nicht aus Versehen verstirbt. Von Gurt- über Halfter bis hin zu Kamera- und Chipsystemen steht dem engagierten Züchter die Wahl komplett frei. Für jeden Geldbeutel findet sich eine Möglichkeit, für den ganz schmalen bleibt immer noch die Möglichkeit, den Geldbeutelbesitzer für den Zeitraum von 2 Tagen bis 4 Wochen im Stall einzuquartieren.
Wenn es dann soweit ist, findet die gute Stute in vielen Fällen trotz aller Vorsicht die Möglichkeit, ihr Kind unbeobachtet zur Welt zu bringen. Stuten haben einen berüchtigten siebten Sinn entwickelt, sie schaffen es tatsächlich genau dann zu Fohlen, wenn der Besitzer hundert Meter entfernt im gemütlichen Schlafzimmer mal 20 Minuten nicht auf den Kamerabildschirm starrt, oder einfach wegen Übermüdung ins Koma gefallen, oder einfach nur Austreten ist.




Wenn trotz all dieser Irrungen und Wirrungen schließlich ein gesundes Fohlen auf die Welt gekommen ist, ist die Freude groß. Von überall her hört man nur Ohs und Ahs, kleine Tiere sind nunmal das niedlichste von der Welt, wenn sie auf ihren Wackelbeinchen durch die ersten Lebensstunden staksen. Ein paar Stunden oder Tage alt wird dann das kleine nebst Mutti ausgewildert und auf die Wiese geschickt. In herrlichem Sonnenschein lässt es sich noch viel besser Ohn und Ahn, außerdem sehen Fohlenfotos vor dem Hintergrund eines Löwenzahnmeeres tendenziell besser aus, als vor einer vollgeschieterten Boxenwand.

Mit diesen Fotos versucht der Züchter nun, sein Produkt zu vermarkten. Natürlich zu einem angemessenen Preis, denn weder Stuten noch Decktaxen noch Tierarzt, Futter, Wurmkur oder Impfung gibt es heute zum Discounterpreis. Um die Vermarktung zu vereinfachen werden Fohlen sehr gerne auch auf diverse Schauveranstaltungen geschlört. Hier wetteifern verschiedene ähnlich alte Vertreter derselben Rasse darum, wer der oder die schönste, beste und tollste im ganzen Land bzw. Zuchtverband ist. Wenn das Fohlen bei diesen Veranstaltungen nicht gut abschneidet sind erstens immer die Richter schuld (parteiisch sind Richter nämlich schon von Amts wegen) und zweitens kann man der Verkaufsanzeige wenigsten den Punkt ‚Verladefromm‘ hinzufügen.
Da Fohlen im Alter von ca. sechs Monaten von der Mutter getrennt werden, vor allem wenn diese schon wieder mit dem nächsten Fohlen schwer zu schleppen hat, wird es gegen Ende des Jahres oft eng im Züchterstall. Wenn sich bis dato noch niemand gefunden hat, der die Qualität des Fohlis zu würdigen weiß, muss der Züchter wohl oder übel doch zum Discountpreis verkaufen. Wenn sich aber auch für ein absolutes Schnäppchen niemand interessiert, behält der Züchter es einfach, schließlich muss man nur drei Jahre warten, dann kann es in den Sport und wird dementsprechend exponentiell im Wert steigen. Und wenn es kein Sportkracher wird, dann wenigstens ein liebes Freizeitpferd. Und wenn alle Stricke reißen, dann, ja dann…

…dann geht es halt in die Zucht.

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