Je weniger (Aus-)Bildung, desto gut?



Ja ja, ich weiß, hier ist nüscht mehr los, aber jetzt kommt ja der Winter, die Tage werden kürzer und ich dementsprechend wieder mehr Lust an der Tastatur zu hocken als im Stall oder sonstwo. Außerdem hab ich mich auch schon lange nicht mehr aufgeregt. Und wenn ich mich auf einer emotionalen Nullinie befinde, kann ich nicht schreiben, also schon schreiben, aber nichts Gutes, nicht mal was irgendwie lustiges.

Aber unlängst hat mich mal wieder was so richtig schön aufgeregt. So, dass ich Puls gekriegt hab, und Hals, und Fußpilz. Ursächlich war der Anruf einer befreundeten Tiermedizinstudentin. Selbige reitet in ihrer Freizeit ganz gerne, auf ihrem eigenen Pferd in einer bunt gemischten Stallgemeinschaft. Dort befindet sich eine Dame, die einen Tinker ihr eigen nennt, den sie mit Vorliebe durch die gegend führt. Oder besser, der sie durch die Gegend führt, das ist tatsächlich keine Frage des Blickwinkels mehr, da sind die Dominanzverhältnisse klar geregelt. Dieser Tinker ist nicht mehr reitbar, bzw. möchte der Tinker nicht mehr geritten werden, traumatische Erlebnisse aus seiner Kindheit versetzen ihn nämlich bei jeglichem Besteigungsversuch in eine Art Schockstarre. Das hat zumindest die Tierkommunikationstante gesagt, die für teuer Geld befragt wurde, wie man Tinkers Wegfahrsperre denn wohl lösen könne.

Dementsprechend ist es also jetzt ein Führungstinker und die Dame, nennen wir sie mal wieder Lieschen Müller (an dieser Stelle ein dickes Sorry an alle die wirklich so heißen…) ist gücklich, dass sie ihr Pony endlich versteht. Lieschen vertraut der Schulmedizin übrigens keinen Millimeter mehr, hat der letzte Tierarzt, der dem Tinker eine Impfung verpassen sollte, doch gesagt, dass das gescheckte Ungetüm deutlich zu fett sei. Pfui aber auch, das ist glatte Diskriminierung. Der Tinker ist nämlich nicht fett, sondern nur flauschig. Außerdem müssen Tinker so, alles unter 750 kg ist anorexisch. Aber zurück zur Geschichte. Tinkerlein ging vor vier Wochen plötzlich unerklärlich und stark lahm vorne links.
Zuallererst wurde die Tierkommunikationstante angerufen, die am Telefon einen Heulkrampf bekam, weil ihr in Vertretung des Ponies au einmal die rechte Schulter höllisch weh tat. Hier hätte das Pö sich stark verrissen und würde zur Schonung nun links hümpeln.
Logische Erklärung für Lieschen, also wurde das rechte Vorderviertel dick zuerst mit Franzbranntwein und dann mit Heilschlamm eingeschmiert, in dem eine erstaunlich gut riechende Kräutermischung verarbeitet war. Böse Zungen am Stall riefen schon nach einer Grillparty, das Pony im Kräutermantel langsdam im eigenen Saft gegart hätte viele Leute satt gemacht.
Eine Woche später hümpelte der Tinker gar noch stärker. Als nächstes wurde eine selbsternannte Heilerin zu Rate gerufen, die von Akkupunktur über Osteopraktorisches Gerenke bis hin zum Namen tanzen alle alternativen Beschwörungsformeln auswendig kennt. Die hat den dicken erst mal amtlich ausgependelt und damit eine Reizung der Ischiasnerven gekoppelt mit einer Blockade im Karpus und einer Störung des Lebermeridians diagnostiziert. Anschließend hat sie an allen Ponybeinen gezogen, den dicken ausstaffiert wie ein Nadelkissen und das linke Bein besprochen. Ja, BESPROCHEN! Mit Beschwörungsformeln, die natürlich kein Unkundiger versteht. Anschließend hat sie Lieschen für den Vorzugspreis von 200 Euronen eine übel stinkende Teevormischung dagelassen, die dem Tinker drei Mal täglich zum Inhalieren gereicht werden sollte.

Weil Tinky den Tee aber genauso zum Speien fand, wie der Rest der Stzallgemeinschaft konnte es ihm gar nicht besser gehen, zumindestens war er nach einer weiteren Woche wirklich extrem lahm. Als logische Konsequenz folgte nun der Barhufbearbeiter des Vertrauens. Der fühlte fachmännisch zum ersten Mal (hört hört) leichten Puls an der Fesselarterie und diagnostizierte ein Hufgeschwür. Nach einer halben Stunde erfolglosem Rumgeschnitze am Tinkertellerbis aufs Blut erklärte er allerdings, dass das Geschwür sehr hoch liege und am Kronrand aufbrechen müsse. Dazu sollte Lieschen den Kronrand mehrfach täglich mit einem warmen feuchten Handtuch umwickeln, nachts einen Sauerkrautverband draufmachen und den Tinker so viel wie möglich bewegen. Diese Therapie zeigte erstmals Erfolg. Nach ein paar Tagen war der Tinker nämlich vorne auf beiden Reifen platt. Aber so richtig, der mochte gar nicht mehr stehen, und laufen schon mal gar nicht. Daraufhin fasste sich meine Bekannte ein Herz und bot der inzwischen verzweifelnden Lieschen an, ihr Pony anzusehen. Sie diagnostizierte relativ schnell den Verdacht eines akuten Reheschubes. Lieschen wollte es nicht so richtig glauben und wollte zunächst mal die Kommunikatorin anrufen und außerdem mal googeln, was die Anzeichen von Rehe sind, aber der Rest der Stallgemeinschaft schritt dankenswerterweise energisch ein. Der Stallbesitzer gab zum Schluss das Zünglein an der Waage, er drohte, Lieschen sofort rauszuwerfen, samt Tinker und fristlos, sollte sie sich weigern, das Pferd vom Tierarzt anschauen zu lassen.

Somit durfte dann der böse Schulmediziner seine krebserregenden Röntgenstrahlungen auf die Puschelfüße halten und konnte die Ursache der Humpelei alsbald erkennen. Eine Fraktur im Hufbein des linken Vorderhufes quälte den armen, durch die ganzen super tollen Therapieempfehlungen gefolgt von einer wunderhübschen Belastungsrehe. Der Tinker steht jetzt in der Klinik und Mann und Maus bemühen sich, ihn zu retten. Ganz gut sieht es nicht aus, die qualmenden Socken vertragen das Übergewicht ziemlich schlecht. Vielleicht hat er aber einen Schutzengel und darf zurück zu seiner treusorgenden Besitzerin. Darf oder muss, ganz sicher bin ich mir da nicht, hat Lieschen Müller doch schon wieder hundert unterstützende Pülverchen in die Klinik geschlört, verschrieben von der ganzheitlichen Therapeutin des Vertrauens…

An dieser Stelle möchte ich betonen: Ich wünschte, ich hätte mir das ausgedacht. Habe ich aber nicht. Leider ist es genau so passiert.

Generell habe ich absolut nichts gegen alternative Heilmethoden. Ich habe selber viele Therapeuten, mit denen ich ganz wunderbar zusammen arbeite. Ich habe Sachen gesehen, die ich mir nicht erklären kann und kenne Leute, die Talente besitzen, die kein logischer wissenschaftlicher Beweis jemals erklären wird. Was mir aber gegen den Strich geht, ist das Bashing von Leuten, die es tatsächlich gewagt haben, sich im Helfen von Tieren weiterzubilden.

Ein Tierarzt? Gottbewahre, der hat schließlich sechs Jahre lang studiert! Der kann auf keinen Fall so viel wissen, wie Erna von Nebenan, die hat schließlich 30 Stunden Onlinekurs im Kräuter behexen besucht!




Ostheopathen, Chiropraktiker, Physios mit Ausbildung? Mit zertifizierter Ausbildung sogar? Bitte, die können nichts, der Altachtundsechziger mit dem Pferdeschwanz von drei Dörfer weiter hat schließlich eine GABE!

Hufschmiede? Pfft, diese ferrophilen Grobmotoriker können definitiv niemals so viel am Huf, wie der selbst ernannte orthopädische Hufpflegungsbearbeiter, der hat sich sein Zertifikat immerhin selber auf den T4 gepinselt! (Zitat aus dem Internet übrigens: Hufschmiede wollen immer nur nageln! Und das war nicht zweideutig gemeint…)

Und so könnte ich die Liste immer weiter führen. Ja, es gibt auch schlechte Tierärzte, Hufschmiede und sonstige Fachleute. Und ja, es gibt auch gute Leute, die niemals irgendeine spezifische Ausbildung absolviert haben. Trotzdessen ist die Wahrscheinlichkeit, bei akuten Erkrankungen eine vernünftige Diagnose zu erhalten, bei Schulmedizinern deutlich größer, als bei selbsternannten Spezialisten. Die helfen in Majorität ganz vortrefflich der Psyche vom Frauchen.
Dagegen ist auch überhaupt nichts einzuwenden, solange das Tier nicht darunter leidet.

Ich bin mir im Übrigen vollkommen bewusst, dass ganz ganz viele jetzt denken werden: „Mein Hufbearbeiter ist aber toll und der Schmied hat meinen versaut“ oder „Meine Heilpraktikerin hat den Husten geheilt und die Tierärzte hatten nur Fehldiagnosen für mich“. Das glaube ich euch gerne, die eigenen Erfahrungen stützen die Wahrnehmung und dadurch auch die subjektive Meinung, die immer richtig ist und nicht zu diskutieren.
Aber tut mir doch bitte einen Gefallen: Ruft zumindest bei akuten Knochenbrüchen, Spritzblutungen und schweren Koliken direkt einen Tierarzt. Bis der, hoffentlich gute, Altnernativtherapeut euch gesagt hat, dass es dringend der Schulmedizin bedarf, ist das Tierchen unter Umständen nämlich schon hops. Und daran ist entgegen anders lautender Vermutungen in den seltensten Fällen eine unnötige Impfung, die Chemtrails oder die Regierung Schuld…

(Quelle: https://www.facebook.com/PferdeprofisAnDerBande/posts/1790369771205986)

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