Olympia



Endlich mal wieder Reiten im Fernsehen. So dachte ich zumindest, als absehbar war, dass die Olympischen Spiele in Rio nach der Eröffnungsfeier in die finale Phase gingen. In Rio de Janeiro, am Zuckerhut im Stadion von einem Stadtteil, dessen Name sich liest wie ein schöner neuer Titel für ein schönes neues Anti-Transpirant. In Deodoro geht es dieser Tage rund für die Vierbeiner der drei klassischen Reitsportarten nebst zweibeinigem Anhang im Sattel. Und die modernen Fünfkämpfer dürfen da auch eine Runde über die Latten hopsen.
Das Stadion ist bereitet und dank der schönen neuen Gesichtsbuchwelt sind wir bestens informiert über alles, was im Vorfeld so stattfindet. Sei es das Trainingslager, der Abflug, die Ankunft, die Trainings vor Ort, nichts bleibt dem geneigten Reitsportinteressierten verborgen. Die Dressurreiter bloggen, die Freundin von den Jung sein Michi bloggt, Reitsportzeitschriftenredakteure bloggen, fast alle Reiter und viele Pfleger gesichtsbuchen vor sich hin, dass es eine Freude ist. Sogar ein Dressurpferd, Cosmo von Sönke Rothenberger, hat einen eigenen vielbesuchten Twitter-account. Wen wundert’s, ist er doch der jüngste Starter der deutschen Equipe, Dressurpferd 2.0 und so. Er zwitschert auch gleich mal allerlei Interessantes, auch und vor allem, dass er keine Apfelschorle mag, die den austrainierten Athleten in Rio statt gechlortem Leitungswasser gereicht wird. Deswegen wird seine zweibeinige Entourage kurzerhand zum Wasserträgerensemble degradiert. So soll das doch auch sein im Reitsport, das Pferd im Mittelpunkt, der Reiter unterstützend als Diener an der Seite. Jedem seine zugewiesene Position.

Wie gesagt, die Vorbereitungen waren abgeschlossen, ich freute mich auf Reitsport in voller Länge und Breite. Mein Röhrenfernseher hat letzte Woche nach 17 Jahren guter Zusammenarbeit seinen treuen Dienst versagt und nur noch Ameisenkrieg mit sphärischem Rauschen von sich gegeben. In Erwartung der Rio-Party habe ich mir einen schicken neuen Flachbildschirm gegönnt. Viermal so groß wie sein Vorgänger (was im Übrigen nicht so schwierig war…) und in optimaler Bild und Klangqualität. Beginnen sollte das reitsportliche Spektakel mit der Krone der Reiterei. Unsere Buschis, seit Jahren auf Gold abonniert sollten ins Turnier starten und vier Tage reitsportliche Unterhaltung garantieren.
Vorab sorgten sie allerdings durch eine Trainerentscheidung für ein rauschen im equestrischen Blätterwald.
So is et, das Pferd des designierten Starters Andreas Ostholt hatte im heimischen Trainingslager einen Schuh verloren, so teilte der Trainerstab es der Öffentlichkeit mit, und sich seitdem immer mal wieder nicht ganz rund auf allen Reifen gezeigt. Deswegen war er wohl bereits kurz nach der Ankunft in Rio über eine Versetzung in den Reservistenstatus in Kenntnis gesetzt worden, durfte von dieser Degradierung aber die ganze Woche nichts verlauten lassen. Nachdem alle fünf deutschen Pferde den obligatorischen Vet-Check anstandslos passiert hatten, ließen die Bundestrainer Chris Bartle und Hanz Melzer dann die Bombe platzen: Andreas Ostholt startet nicht, dafür gehen die Newcomer der Saison, Julia Krajewski und Samurai du Thot an den Start. Durch eine exzellente vier Sterne Premiere in diesem Jahr schien das durchaus eine gangbare Alternative, Andreas als Championats erfahrene ‚Bank‘ im Team trotzdem ein schmerzhafter Verlust. Ein dickes Fragezeichen lag dennoch in der sonst so herzlichen Buschi-Luft. Die Kommunikationspolitik des deutschen Trainerstabs wurde vielfach hinterfragt, viele Anhänger machten ihrem Ärger Luft und vermuteten gar Verschwörungen mit politischem Charakter hinter der Umbesetzung im Team kurz nach der Landung im fernen Brasilien.
Eine Entscheidung am Tag vorher hätte einem Pferd die Strapazen des Fluges nämlich gespart, eine offene Konkurrenz, die sich erst nach dem Vet Check zugunsten des einen oder der Anderen entscheidet, hätte Herrn Ostholt eine Woche des ‚Mundhaltens‘ erspart. Beides sicherlich gangbare Alternativen, nur so, fürs nächste Mal…




Auffahrt, Jung, Krajewski, Klimke, so also das Line-up für die olympische Konkurrenz. Dadurch, dass in der Vielseitigkeit drei verschiedene Teilprüfungen von denselben Reitern mit denselben Pferden absolviert werden müssen, ist die Konkurrenz auf vier Tage verteilt. Das liegt vor allem daran, dass das anfängliche dressierende Kringelreiten im Sandkasten pro Pferd-Reiter Paarung so lange dauert, dass man es nicht schafft, die Starter aus aller Herren Länder an einem Tag über das Viereck manövrieren zu lassen. Am ersten ‚Tag mit Sandra Auffarth und Michael Jung gleich zwei Spitzenpaare für Deutschland am Start. Ich mich also gemütlich auf die Couch und vor den Fernseher (den neuen) gelümmelt und Olympia im öffentlich Rechtlichen angeschaltet. Nun war ich doch ein wenig irritiert. Von Radrennen über Judo, Fechten, Fußball mit Namen, die ich in meinem Leben noch nie gehört habe wurden diverse Wettbewerbe in voller Länge übertragen. Auch der Videotext konnte mir nicht weiterhelfen. Ein kleiner Blick ins Internetz beruhigte mich allerdings wieder. Im Livestream konnte man unsere Vierbeiner live und in Farbe bewundern.
Dementsprechend vor den Laptop umgezogen, weil ich das mit dem Smart-TV irgendwie noch nicht verstanden habe, hab ich mir dann das dressieren der vielseitigen Reiter in voller Länge gegönnt.
So will man Dressursport sehen. Auch wenn die Pferde nicht über bodenverachtende Grundgangarten verfügen, sieht man doch in absoluter Majorität schöne, harmonische Ritte mit losgelassenen Pferden, die die Lektionen willig und ausdrucksstark vortragen. Die deutschen Pferde machten zwar teilweise Wechsel wo gar keine hingehörten und keine schönen da, wo eigentlich welche sein sollten, und bleiben somit leicht hinter den Erwartungen zurück. Dennoch kamen sie unter den Top five aus dem ersten Tag. Nicht so schlecht, dachte ich, ordentlich vorgelegt. Die Presse, allen voran das Fersehen fand das nicht. Im Olympiaticker war von Fehlern und Patzern die Rede, die sicher geglaubte Medaille anscheinend schon am ersten Tag verspielt.

Am zweiten Tag sollten Julia Krajewski und Ingrid Klimke es dann richten. Ich mich also direkt vor den Laptop geworfen, nicht das ich mich wieder enttäuscht durch Turmspringen, Tontauben- und Bogenschießen und vielleciht auch Hallenhalma quälen muss. Ein großer Bildschirm ist was tolles, aber nur, wenn das, was jetzt auf einmal scharf ist, auch das ist, was man sehen will. Als ich im Internet nicht fündig wurde, dachte ich zunächst an meine technische Unzulänglichkeit. Da ist die alte doch zu blöde, um im Internet einen dusseligen Livestream zu öffnen… Weit gefehlt, es gab keinen. Wegrationalisiert, zugunsten der ‚wichtigen‘ Sportarten. Also derer, in denen Deutschland quasi keine Medaillenchance hat. Oder nicht mal Starter im Turnier. Kein Problem versprachen die Verantwortlichen im wütenden Reiter-Ansturm auf deren Facebookseite, die beiden deutschen Starterinnen würden live im TV übertragen. Also habe ich mich dann für Samurai und Bobby durch Stunden von Tennis, Fechten und Radrennen gequält, inklusiver eines fiesen Sturzes bei letzterem (Radrennen ist im Übrigen statistisch gesehen deutlich gefährlicher als Reiten, sogar als Buschreiten) und bin just in dem Moment austreten gewesen, als Ingrid Klimkes Ritt dann zusammengeschnitten gezeigt wurde. Macht nix, gut genug muss es gewesen sein, die Reitmeisterin lag nach der Dressur auf Medaillenkurs. Julia Krajewski mit weniger als 45 Minuspunkten (die Buschis zählen rückwärts) ebenfalls voll im Soll.

Dann am gestrigen Tag das Gelände. Ich war unterwegs, dementsprechend fiel das lästige Fernseh/Lptop hopping weg, mir blieb nur der livestream auf dem Handy. Sandra Auffahrt legt los wie die Feuerwehr und hat leichte Steuerungsprobleme beim übermotivierten ‚Wolle‘. Ein Vorbeilaufer und eine Volte, die zunächst auch als Verweigerung deklariert aber im Laufe der Prüfung wieder runtergestuft wurde brachten zusätzliche 24 Fehlerpunkte auf das deutsche Konto. Michi Jung und Sam in Gewinnermanier, 15 Sekunden unter Bestzeit, alles nach Plan. Derweil im Technisch anspruchsvollen Cross viele Vorbeilaufer, einige Stürze, alle glimpflich ausgegangen, bemerkenswerter Weise patzen nicht nur Drittnationen, der schwere Kurs verlangt auch arrivierten Paaren ihr Äußerstes ab. Julia Krajewski ist in Zugzwang. Ihr Samurai du Thot wirkt irritiert und zieht nicht, die reiterin kann ihm offensichtich wenig Hilfestellung leisten. Drei Vorbeilauer an schwierigen aber nicht unlösbaren Aufgaben, dann ist die Reise früh vorbei. Schade für die junge Reiterin, die unternormalen Umständen mit ihrem tollen Pferd der Aufgabe wohl sicher gewachsen gewesen wäre.
Ingrid Klimke reitet Strich, alles scheint nach Plan zu verlaufen, doch im letzten Wasserkomplex verliert sie kurz die Kontrolle über den äußeren Zügel. Bobby ist einen Moment verwirrt, vorbei am zweiten Hindernis, 20 Minuspunkte. Im Anschluss geht Ingrid einen weiteren Weg, 6 Punkte für die Zeit kommen oben drauf. Am Ende des Geländes ist Deutschland in ungewohnter Position, Rang vier, kein Streichergebnis mehr, mehrere Springfehler von den Medaillen entfernt.

Während ich noch über den livestream Kommentator schmunzel, der mit geballtem Fachwissen glänzt (Sandro Hit, der berühmte Springvererber) und mit Julia Krajewski leide sowie bereits im Vorfeld Mitgefühl für die Verantwortlichen entwickel, die aufgrund ihrer offensichtlichen Fehlentscheidung bezüglich der Teambesetzung (so ist das halt, läufts scheiße, kriegt man Prügel…) bestimmt so richtig einstecken müssen.Zieht im world wide web ein ganz anderer Wind auf. Durch mein Fernbleiben von der Mattscheibe habe ich etwas Entscheidendes verpasst. Im ersten deutschen Fernsehen hat nämlich ein bekannter Kommentator in kurzen Einblendungen zwischen den Entscheidungen in der Wassergymnastik für Enten und Rhytmusmikado jeweils die deutschen Reiter kommentiert. Ein Video kursiert im Gesichtsbuch, für ein Millionenpublikum hat Herr Sostmeier die dicke Chauvi-Keule rausgeholt und Julia Krajewskis Ritt überaus innovativ kommentiert. In aufwendigen Worthülsen und Schachtelsätzen (ich darf das, ich schreibe, das kann man sich ja öfters durchlesen, wenn man es nicht versteht…) setzt er den Zuschauer mit gar drastischen Formulierungen sowohl über die Farbe der Haare der Reiterin als auch über die vermutete Farbe der Innenseite ihrer Unterwäsche in Kenntnis. Jegliche Enttäuschung über das Abschneiden der deutschen Reiter und eventuelle Fehlentscheidung der Verantwortlichen geht unter in einem Sturm der Entrüstung gegenüber dem selbtherrlichen Kommentator. Dieser hat mal wieder genau das erreicht, was, so mutet es zumindest an, schon lange sein einziges Ziel ist. Der Sport, den er eigentlich erklären soll, geht vollkommen unter, sein Kommentar wird Gegenstand des öffentlichen Interesses. Wie auch schon zu Zeiten des schwarzen Wunderhengstes wird er wieder Monatelang durch die lustigen O-Töne der Radiosender eiern und ich werde mich wieder monatelang darüber ärgern. So ist das Presseleben, nur keine PR ist schlechte PR.

Auch am Tag danach ist die Aufregung nicht abgeflacht, die FN bezieht öffentlich Stellung, derr Herr habe sich ‚vergaloppiert‘ (besonders schnell fand ich ihn nicht, aber man kann ja auch im Schritt falsch abbiegen) und des Kommentatoren Vorgesetzter gelobt Besserung und Verhinderung jeglicher Wiederholung. Gut, abgehakt, heute ist ja noch Springen dran. In einem bzw. für die 25 besten zwei Umläufen müssen die Reiter noch durch einen Parcours aus beweglichen Stangen, mitunter sogar sehr beweglichen. Die fallen bei leichtester Berührung nämlich schon runter, und das bedeutet dann jeweils vier Minuspunkte. Ich habe wohlweislich direkt den livestream eingeschaltet, als Herr Sostmeier aber in säuseligster Hochstimmung Jubellieder auf die eleganten talentierten deutschen Damen jallert, muss ich leider den Ton ausmachen. Im Fernsehen gibt es nun auch einen Fitzel Sport. Mit den Herrmann und Hermann Kommentatoren, die zwar wenig Ahnung haben, aber dafür zwischendurch den Mund halten und einen durchaus sympathischen Eindruck machen.
Sandra null, Ingrid ebenfalls fehlerfrei. Den schusseligen Brasilianer, der nach seinem Köpper vom Pferd erst mal die Sprünge wieder ordnet, während sein Vierbeiner eine Ehrenrunde dreht, zeigen sie auch. Dann wird umgeschaltet, schließlich ist Handball. Im livestream verfolge ich mit beschleunigtem Herzschlag, wie sowohl Michi als auch der letzte Franzose ihre Pferde ohne Fehl und Tadel durch den Stangewald pilotieren. Jetzt liegt es in der Hand von Australien und Neuseeland. Beide Schlussreiter zählen für ihre Teams, beide Länder haben genau wie Deutschland ihr Streichergebnis bereits im Cross verloren. Mark Todd für Neuseeland patzt. Sein Leonidas hat anscheinend keine Kraft mehr und tritt gleich vier Sprünge kalt an die Erde. Aus der Traum für die Kiwis, Medaille für Deutschland. Der bis dato führende Chris Burton mit Santano II macht zwei leichte Fehler(komisch, bei der Springabstammung, tztztz) und Deutschland hat SILBER! Ganz nebenbei war es das erste Edelmetall dieser Spiele und keiner hat‘s gesehen. Im Fernsehen haben nämlich die Handball-Herren ein Vorrunden Match gewonnen. War knapp. Gratulation.

Aber aus Fehlern lernt man, dementsprechend kommt das Einzelfinale, zumindest die deutschen Starter, live über den Äther. Michi Jung schafft das Unglaubliche, er verteidigt seine Goldmedaille von London 2012 mit ein und demselben Pferd. Das hat vor ihm nur der große Mark Todd fertiggebracht. Nerven wie Drahtseile, eine perfekte Vorbereitung und ein gutes Team haben ihn zu diesem Erfolg geführt. Und Reiten kann der Mann. Das muss man neidlos anerkennen. Nur ein Bruchteil dieses Talentes und Gefühls im Sattel haben, das wäre was…

Jetzt redet keiner mehr von Patzern in der Dressur oder Vorbeilaufern im Cross. Die Buschis haben ihre familiäre Atmosphäre wieder und sie habens mal wieder gerissen, sie haben nicht Gold verloren, sondern Silber gewonnen. Sie haben den Bann gebrochen, ab sofort regnet es Medaillen für das deutsche Team. Am wichtigsten in dem ganzen Tohuwabohu: Alle Reiter und Pferde haben das Turnier unverletzt überstanden. Alle können heile und gesund nach Hause fahren und sind zumindest um eine tolle Erfahrung reicher. Ich persönlich hätte diese Erfahrung gerne mit ihnen geteilt, hätte die Regie vom Fernsehen denn gelassen. Meine GEZ für ab und zu mal Reiten im Fernsehen, so war der Deal, meine Freunde. Dafür ertrag ich doch auch Fußball in allen Farcetten. Mal sehen, morgen geht’s weiter mit den Sandkastenakrobaten. Durch den Vetcheck sind alle deutschen Kandidaten, da steht zu hoffen, dass keiner spontan anfängt zu humpeln. Das hatten wir schon mal, und brauchen wir nicht unbedingt wieder…
Vielleicht zeigen sie ja auch was im Fernsehen, oder wenigstens im Internet. Alternativ gucke ich auch Sackhüpfen oder Plumpsack mit Hallenhalma. Oder ich reg mich wieder auf und nehme es zum Anlass für eine erneute Zusammenfassung. Wer weiß, wer weiß…

(Quelle: https://www.facebook.com/PferdeprofisAnDerBande/posts/1761635834079380)

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