Reiten in Rio geht weiter…



…dementsprechend auch meine Berichterstattung. Wie es ausgegangen ist, dürfte inzwischen jedem bekannt sein, deswegen gibt es keine Nacherzählung meinerseits, sondern eine furchtbar subjektive selektive Kommentierung einzelner Reprisen der Dressiererei in Deodoro.

Nachdem die vielseitigen Vierbeiner bereits wieder auf heimischen Wiesen grasen durften, mussten die Sandkastenakrobaten ran. Drei Mal um genau zu sein. Im Grand Prix und im Grand Prix Spezial durften vier Starter pro Land ihr Glück versuchen, im Spezial allerdings vier der besten sechs Länder plus die besten acht Einzelreiter. Weil dressieren nämlich pro Pferd recht lange dauert und die extra kurze Olympiaaufgabe noch keine allgemeine Durchsetzung gefunden hat (für einige Nationen könnte man ja auch das Halten und den Schritt direkt mal streichen) musste man die Teilnehmerzahl für den zweiten und den dritten Tag eben entsprechend regulieren.
Die deutschen Starter ohne Fehl und Tadel. Hier und da gibt es immer Optimierungspotential, der junge Sönke Rothenberger und der noch viel jüngere Cosmo verdaddeln nach lupenreinem Auftakt im Grand Prix diverse Reprisen des Spezial, bekommen dafür aber immer noch 76 Prozent und rangieren somit auf Rang 10. Wohl dem Team, dass ein solches Streichergebnis hat. Schade für Sönke, dass nur die drei besten Reiter eines Landes in die Kür dürfen und er somit zum Zuschauen verdonnert wurde. Den hätte ich gerne noch ein drittes Mal gesehen. Allerdings hat Cosmo bei der Mannschaftssiegerehrung seinem eigenen Pfleger in dessen nicht so üppigen Haupthaar ja noch einen hübschen Scheitel mit dem Vordereisen gezogen. Wäre also vielleicht doch keine so tolle Idee gewesen, ihn noch eine Prüfung gehen zu lassen. Wer hätte den denn dafür eingeflochten?

Die anderen deutschen Teamreiter sind bärenstark in Grand Prix und Spezial, Isabell Werth kann im Spezial sogar Valegro schlagen, wenn dieser Fehler macht zwar nur, aber immerhin. Das ist ja auch lange nicht mehr vorgekommen.
Dorothee Schneiders Showtime macht auch einen Fehler. Einen sehr teuren in der Pirouette, wenn sie den nämlich nicht gehabt hätte, hätte sie Charlotte Dujardin und den Wunderknubbel wohl ebenfalls überholt.

Überhaupt Valegro, klein, rund, energisch. Ein komplettes Pferd mit drei Gängen am oberen Ende der Notenskala und einer Energie und Leichtfüßigkeit an die kein anderer herankommt. Allerdings weg von der überragenden Dominanz vergangener Tage. Alleine in der Kür läuft der kleine Braune zu Höchstform auf und zeigt noch einmal, warum ihn seit Jahren keiner mehr geschlagen hat. Gold für Valegro, Gold für Charlotte Dujardin, Gold für England. Valegros Abschiedsvorstellung soll dieser Einzelgoldmedaillenritt gewesen sein, verkünden die Engländer im Nachhinein. Richtig so, man soll aufhören, wenn’s am schönsten ist. Das haben andere Reiter leider nicht so richtig verstanden, aber dazu komme ich später noch.

Einzelmedaillen gibt es im Übrigen nur in der Kür zu erreiten, die Ergebnisse aus den Prüfungsteilen für die Mannschaftswertung werden gelöscht, die Uhr auf null gesetzt. Schade eigentlich, ich dachte, die suchen den besten Dressurreiter der Welt und nicht den besten Kürspezialisten. Vielleicht wäre das noch eine Innovation für den Zehnkampf: Nach dem ersten Tag Mannschaftsmedaillen verteilen und für den zweiten Tag dann einzeln werten.




In der Kür trumpft noch eine auf: die US-Amerikanerin Laura Graves mit der Piaffiermaschine Verdades. Der Kollege ist ein halber Hackney und das sieht man seinem Bewegungsablauf auch an. Hacke, Spitze, Hoch das Bein, aber bei diesem wird niemand behaupten, dass es sich um unnatürliche Bewegungsabläufe handelt, die Hackneys traben nämlich ganz natürlich so. Direkt dahinter der Spanier Jesus Dingsbums Lopez, der mit seinem Schweifpinselnden Fuchs zum Publikumsliebling avanciert. Der Chefbereiter eines überaus kritisch beäugten dänischen Großpferdehändlers kann aber auch wirklich reiten. Und, zumindest auf dem Turnier, sieht das alles auch ganz pferdefreundlich aus. Vielleicht könnte er in dieser Hinsicht ja mal auf seinen Arbeitgeber einwirken.

Die Dänen hatten in der Mannschaftswertung keine Chance, eine Medaille zu ergattern. Gold war gebucht für Deutschland, unter normalen Umständen sollten drei der Paare 80 Prozent gehen können, da bleib nur eine rein rechnerische Chance, dass es nicht für die Spitze reicht. Um Silber und Bronze sah auf dem Papier nach einem Wettkampf zwischen England, USA und den Niederlanden aus.

Am Ende zogen die Holländer den Kürzeren. Zu Recht, wie ich finde. Diederik von Silfhout kann sicher nix dafür, der macht einen ordentlichen und soliden Eindruck, seinen beiden männlichen Waffenbrüdern allerdings, die es sogar schaffen, dem solidesten deutschen Blut den Schritt komplett wegzureiten, muss ich eine Medaille nicht gönnen. Beider Pferde müssen ein sehr dickes Fell haben, sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinn. Hans Peter Minderhouts Sporen hätten nämlich durchaus auch im Romanovschen Rippenfell stecken bleiben können als er zum piaffieren die Beinschraube anziehen musste. Geblutet hats aber nicht, deswegen durften alle genauso freudlos in den Spezial spazieren.

Noch weniger hätte ich die Frau Cornelissen gegönnt, die, halb schob sie ihn, halb trat sie ihn, ihren 19 jährigen Parzival nach der Hälfte des Grand Prix aus der Prüfung nahm. Eine Sekunde weiter hätte der deutlich sichtbare Zungenfehler vermutlich für ein Abklingeln der Richter gesorgt. Deutlich sichtbare Sporennarben beim close up im Rückwärtsrichten und ein paar Fotos vom VetCheck, anlässlich dessen Parzival die Zunge schon lang aus der Lippe hängen hatte, ließen die Zuschauer doch stutzen. Anschließend ein tränenreicher Erklärungsversuch der Reiterin. Das Pferd sei am Vortag gestochen worden, daraufhin mit geschwollenem Kopf und über 40 Fieber stundenlang infundiert und schließlich von den Tierärzten für ‚fit to compete‘ erklärt worden. Sie habe aber eine Verantwortung gegenüber dem Pferd und deswegen die Prüfung abgebrochen. Attacke auf die Tränendrüse, ich fühle aber nicht mit ihr. Was hat das arme Tier denn wohl gestochen, die gemeine Blauzungenmücke? Und wie oft ist es gestochen worden, den Tag vor dem Vetcheck auch schon? Und wenn das Pferd wirklich einen Tag vor dem Grand Prix so hohes Fieber hatte, kann es dann einen Tag später wirklich fit sein? Inzwischen kursiert auch eine andere Variante, die des holländers geschwollenes Gesicht erklärt: Ein Haarriss im Kiefer könnte der Grund sein. Egal wie, ich bleibe bei meiner Meinung. Einem so verdienten 19 jährigen Sportler hätte man weiß Gott ein würdigeres Karriereende bereiten können. Nehmerqualitäten hat der Kollege ja im letzten Jahrzehnt hinreichend bewiesen, aber ihn nun vor großem Publikum entgültig kaputtzuspielen entbehrt jeglichem Respekt vor der Kreatur.

Respekt vor der Kreatur hatte der Kommentator des Livestreams beim ZDF bestimmt. Ahnung hatte er leider keine. Ich habe nämlich jetzt gelernt, das die meisten Pferde Walllache sind, auch die die in Echt Hengste sind, oder Stuten. Und wenn nicht direkt Wallach, dann immerhin ein ‚Er‘, klar, heißt ja auch, „der Pferd“. Im Schritt wird Kopfnicken toleriert, aber nur im starken, im Versammelten muss das sofort aufhören, außerdem kommt es auf den Schwung an. Es ist außerdem gemein, wenn es von den Richtern auf die Serienwechsel nur vieren gibt, weil die gezeigten 7 Einer doch eigentlich gut angefangen hatten. Der gescholtene Carsten Sostmeier durfte nur kurze Reprisen im Fernsehen kommentieren und zeigte sich direkt zahm und entgegen seinen linguistischen Ergüssen in der Vergangenheit geradezu unkreativ.

Kreativ waren allerdings die Bilder und Kameraführungen, die uns die internationale Regie zur Verfügung stellte. Den Fokus auf die Reiter lenkend wurden des Öfteren die Pferdebeine einfach aus dem Bild gesäbelt. Beim Rückwärtsrichten gar zeigten die Bilder nur die Reiterhand, das Vorderende von Zylinder oder Kappe und im Hintergrund den himmlisch blauen Himmel über Rio. Ich beantrage für die nächste Katzenkirmes, die ich reite auch so eine Kameraführung, extra für die Richter. Pferdebeine werden beim Rückwärtsrichten nämlich komplett überbewertet, der Himmel ist das was zählt.

Zählen konnte man im Übrigen auch die Besucher, die live im Stadion dabei waren. Und zwar abzählen, an ungefähr sieben Händen. Gähnende Leere in Deodoro, dabei hieß es im Vorfeld, die Wettbewerbe seien ausverkauft. Schade für alle Sportler, schade besonders für die Medaillenträger, die sicher einen größeren Bahnhof verdient hätten.
Meiner bescheidenen Meinung nach haben alle Medaillenträger ihre selbigen verdient. Ich gönne es den Briten um den großen Carl Hester, der selber reitet und seine drei Mannschaftskollegen nebenbei noch trainiert, und ich gönne es den Amis, weil die nämlich auch alle wirklich sympathisch sind. Und den deutschen gönne ich es sowieso, weil alle vier Gewinnerpferde nämlich vernünftig geritten und ausgebildet sind. Es ist eine Freude ihnen zuzusehen, so sollte Dressur funktionieren. Geprägt von Harmonie und Leichtigkeit. Auch die drei Einzelmedaillisten, Valegro, Weihegold und Desperados waren am Montag schlicht die besten Ihres Fachs. Das kann man so stehen lassen.

Seit Sonntag schon gehört Deodoro nun den Hüpfern. Der Luftdruck muss seitdem gesunken sein, die Reiter fliegen nämlich ziemlich oft ziemlich tief. Liegt aber vielleicht auch daran, dass das Stadion nun voll ist und alle schreien, die Brasilianer haben, anders als in der Dressur, nämlich durchaus ernstzunehmende Medaillenambitionen. Warten wir es ab, wie diese letzten equestrischen Wettbewerbe ausgehen, wenn ich Lust und Zeit habe, schreibe ich darüber vielleicht auch noch ein paar Zeilen.

Quelle: https://www.facebook.com/PferdeprofisAnDerBande/posts/1764568533786110

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