Satiren, die das Leben schreibt



Das Leben schreibt die besten Geschichten, ist es nicht so? Also, ich bemühe mich ja redlich, aber an das Leben an sich komme ich einfach nicht ran, musste ich unlängst wieder einmal feststellen.
Das Stichwort lautet: ‚Seelenpferd‘
Heute hat jeder ein Seelenpferd. Oder ein Herzenspferd. Oder ein Once-in-a-lifetime-Pferd. Mindestens eins zumindest, manchmal gibt es die anscheinend auch im Sommer Schlußverkauf, dann hat jemand auch zwei oder drei oder auch eine ganze Horde solcher Exemplare.
Seelenpferde sind Seelenverwandte im Pferdeoutfit habe ich gelernt. Sie fühlen und denken genauso wie ihr Besitzer, bzw. andersrum. Wenn das Pferdchen krank ist, dann hat das die Besitzerin (ja, die sind in überbordender Majorität weiblich) quasi im Urin. Oder halt im Fuß, oder im Rücken, oder im Kopf, je nachdem, wo es dem heiligen Esel gerade zwickt. Geht es dem Seelentierchen gut, geht es der Seelenbesitzerin auch gut. Deswegen tun Eigentümer oder Reitbeteiligungen von Seelenpferden auch alles dafür, DASS es dem Herzele gut geht. Soweit, so logisch, jeder ist sich selbst der nächste, ist doch klar.
Allerdings nimmt diese Verbundenheit mitunter interessante Formen an, die ich auch irgendwie nicht nachvollziehen kann, ich dummes Schaf.
Mir wurde letztens glaubhaft versichert, dass das Hasi Pupsi heute nicht in der Lage sei, eine komplette Reitstunde durchzuhalten, man selber habe bereits nach 15 Minuten (Schritt und Trab) furchtbares Seitenstechen, dementsprechend habe das Äquivalent unter dem Sattel einfach wohl nicht die Tagesform, um eine derartige Anstrengung zu bewältigen. Man wolle auch am liebsten direkt die Tierkommunikatorin zu Rate ziehen, die habe zu Hasi Pupsi so einen hervorragenden Draht und wisse stets genau, ob es aus einem blauen Eimer trinken wolle, oder ob es ihm am rechten Öhrchen zwicke. Zudem müsse die komplette Phalanx der Pferdeheiler zu Rate gezogen werden, sprich Ostheo- Physio- Chiro- Bachblüten- und Homöophathie- Therapeuten. Alle Ganzheitlich tätig versteht sich. Tierarzt? Ne, der lieber nicht, der hätte beim letzten derartigen Notfall doch tatsächlich nichts gefunden, also wirklich nichts, nicht einmal ein Ungleichgewicht der körpereigenen Energieströme…

Ich stand relativ perplex vor diesem monologisierenden Ausbund von überbordender Liebe, habe einmal kurz gefragt, ob sie es wirklich ernst meint. Ob des direkt losschwallenden entrüsteten Ausbruchs von Emotionen in meine Richtung habe ich dann demütig den Kopf gesenkt, vorgeschlagen, eine von den Astrotanten auf WasWeissIchNichtNoch.TV zusätzlich zu Rate zu ziehen, weil man ja nie weiß, ob der Widder sein Haus gerade im Skorpion oder in der Venus aufschlägt und den Rückzug angetreten. Dieser Vorschlag stieß direkt auf große Begeisterung (ganz im Ernst, nicht gespielt…), ich wurde ehrenhaft entlassen und konnte noch einen Blick auf den zufrieden grinsenden (ich schwöre bei meinem Leben…) Hasi Pupsi werfen, dem in diesem Augenblick aufgegangen sein muss, dass er mit seinem gelangweilten Gestolper zum gewünschten Ziel gefunden hat und rosigen Zeiten mit gelbem Schein und Begleitmassage auf der Weide entgegen sah.

Wie gesagt, die besten Geschichten schreibt das Leben selber…

Ich habe mir das mal für mich überlegt. Tatsächlich habe ich eine Art Anti-Seelenpferd. Die dusselige Kuh tut immer genau das Gegenteil von dem, was ich von ihr möchte, zusätzlich fühlt sie sich anscheinend immer genau andersrum als ich. Habe ich blendende Laune, kommt sie mir entgegen wie eine fette Muräne, die Ohren kann man nicht sehen, dafür ihre großen, gelben Zähne, die aufeinander klappern, wenn sie versucht, mir ein Ohr abzubeißen. Wenn ich das gekonnt ignoriere und allen Mordversuchen ausweichen kann, tritt sie mir beim Aufsteigen ‚Aus Versehen‘ auf den Fuß und grinst sich in die Tasche, wenn ich wie ein ataktischer Frosch an ihrer linken Seite auf- und abhüpfe und versuche meine gequälten Fußknochen unter ihrem Tellerhuf hervor zu zerren, während ich mit meinen Fäusten gegen ihre gut gepolsterte Schulter hämmere. Immer noch halbwegs guten Mutes versuche ich mich dann im Reiten, was meistens darin endet, dass die Dame mit hocherhobenem Haupt und schnaufig aufgepusteten Nüstern einfach so tut, als wäre sie vorgestern erst angeritten worden.

Habe ich schlechte Laune, hat mich irgendetwas geärgert und ich koche innerlich, fahre ich zu besagtem Tier mit dem Vorsatz, ihr heute nicht alles durchgehen zu lassen, sie zu disziplinieren, ihr einfach mal zu zeigen, wo der Hammer hängt. Flötepiepen! Hört sie meinen energischen Schritt, spitzt sie die Ohrwascheln und klimpert mich mit langen Wimpern an. Ich gebe darauf natürlich nichts mehr, wir kennen uns seit sieben Jahren, so leicht legt die Tante mich nicht aufs Kreuz…
Putzen, Satteln, Trensen, das rote Untier steht wie eine deutsche Eiche. Und die stört es ja bekanntlich wenig, wenn sich eine Sau dran kratzt. Und ich kratze, putze lange, an Stellen, die sie eigentlich nicht leiden kann, um sie zu provozieren, ja ich gebe es zu. Nur ein kleiner Ausfallschritt in meine Richtung und dann wird sie was erleben… Aber nüscht ist es mit schlechtem Benehmen, ein ausgebildeter Blindenhund könnte sicheine Scheibe abschneiden von der Tante, sie nimmt alles was da kommt komplett gelassen. Beim Reiten ist es ähnlich. Ich belauere und provoziere. Hier ein Traversälchen, da ein paar Serienwechsel, schnelle Tempounterschiede, alles, was sie auch nur annähernd zum blockieren bringen könnte. Und wieder, nichts! Keine Widersetzlichkeit, kein noch so kleines Aufbegehren gegen Hand und Bein. Schließlich und endlich füge ich mich dann in mein Schiksal und reite meinen Turn, noch ein Ründchen ins Gelände oder ein paar kleine Hüpfer. Gegen Ende der Einheit kommt dann auch meine gute Laune wieder, schleichend lugt sie um die Ecke und fragt vorsichtig an, ob sie vielleicht auch mitreiten darf. Darf sie, aber nur als Beifahrer. Nimmt sie Überhand, kann ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit prognostizieren, dass dieses übergroße Exemplar der Gattung Equus mir zum Abschied ganz sachte in den Allerwertesten zwickt. Nicht so doll, dass es blutet, aber gerade genug um einen haltbaren Abdruck zu hinterlassen. Damit ich ein Andenken mit nach Hause nehme und mein Anti-Seelenpferd stets in Erinnerung behalte.




Rein körperlich funktioniert das Antimodell aber nicht so richtig. Rein statistisch müsste an dem Tierchen ja außer Knien, Rücken und Zähnen alles defekt sein. Letzgenannte sind nämlich meine körperliche Baustellen. Alles andere funktioniert bei der roten Riesin aber einwandfrei. Humpeln, röcheln oder schielen tut sie nicht im Mindesten. Die Kniebänder haben wir ihr allerdings mal anspritzen müssen, der Ostheopath meines Vertrauens richtet ab und an mal das Ileo-Sakralgelenk nebst Lendenweirbeln und der Zahnarzt stellt auch in schöner Regelmäßigkeit seine Rechnungen.
Na gut, da muss das Anti-Tier vielleicht nochmal feinjustiert werden, aber das sind doch Kleinigkeiten. Vielleicht werde ich mal einen ganzheitlichen Therapeuten zu Rate ziehen, ob man das Gegenteilprinzip nicht doch noch optimieren kann.
Ansonsten bin ich sehr zufrieden mit diesem Verteter und dem Rest meiner nicht seelenverwandten Pferdeherde. Ich lass sie einfach sein was sie sind, Pferde nämlich, und keine Spiegelbilder meiner eigenen Befindlichkeiten.
PS: Das Anti-Tier ist übrigens im Moment tragend und tummelt sich auf schönen großen Weiden und geht deren anderen Bewohnern auf die Nerven. Wie gut, dass es nicht mein Seelenpferd ist, sonst wäre ich ja auch in freudiger Erwartung…

…Aber Halt, in körperlicher Hinsicht galt das Gegeteilprinzip ja nicht…? Oh Mist, ich kauf mir morgen einen Schwangerschaftstest…

Schreibe einen Kommentar

Facebook