Top 2: Selbstbild vs. Fremdbild



Es gibt eine Theorie in der Kommunikationswissenschaft, die besagt, dass die Wahrheit irgendwo in der Schnittmenge dessen zu finden ist, was wir sind, was wir selber von uns denken, und was andere von uns halten. Bei Pferdemenschen berührt die eigene Wahrnehmung von den eigenen reiterlichen Qualitäten und auch diejenige vom vierbeinigen Partner oft nur zu einem ganz winzigen Teil diese Schnittmenge. Der Rest des Selbstbildes ist häufig sowsas von im Wolkenkuckuksheim zu finden, dass man als Vertreter des Fremdbildes aus dem Kopfschütteln nicht mehr herauskommt.
Auch ich bin vor diesem Selbstbeschiss bei Weitem nicht gefeit. In meiner aktiven Turnier’karriere‘ bin ich mehr als einmal wütend aus dem Viereck galoppiert in dem festen Glauben, die Richter hätten mich beschissen. Meine eigenen Zuchtprodukte habe ich schon durch die rosaroteste aller Züchterbrillen betrachtet, nur um nachher festzustellen, dass sie tatsächlich für das ihnen bestimmte Zuchtziel doch ein wenig nachsitzen müssen, weil die Anpaarung wohl doch nicht so hingehauen hat, wie geplant. So ist das halt, man liebt die Viecher wie sie sind, und wenn das nicht reicht, dann redet man sich selbst, die Pferde und für den Notfall auch das Zusammenspiel von Beidem einfach schön.

Eigentlich eine praktische Einrichtung möchte man meinen, Erspart es doch dem Pferdemenschen viele Tränen und man kann ab und an mal so richtig Dampf ablassen, wenn man sich echauffiert über die fiesen Konkurrenten, Richter, Tierärzte, Schmiede, und wen auch immer man gerade als Stock in der Speiche ausgemacht hat. Regelmäßiges Pöbeln entspannt ja unheimlich habe ich mir sagen lassen. Und weiß ich aus eigener Erfahrung.

Aber ich schweife ab. Ich möchte heute von einem besonders schweren Fall der Diskrepanz von Selbst-. Und Fremdeinschätzung erzählen, bei dem letztendlich sogar herauskam, dass die Selbsteinschätzung tatsächlich an den Haaren herbeigezogen und eingeredet, ja, auf Deutsch gesagt, gelogen war.

Ich habe während meines Studiums ein nettes Zubrot mit dem Anreiten von Jungpferden verdient. Es begab sich also, dass einer meiner Kunden zur Besichtigung seines Schätzchens nach vier Wochen in meiner Obhut (Gas, Bremse, Lenkung und Gangschaltung funktionierten draußen wie drinnen) eine gute Bekannte mitbrachte. Diese erzählte, sie habe auch noch so ein vierjähriges Stütchen rumstehen, was doch so langsam auch mal in Arbeit sollte. Ob ich denn noch Kapazitäten hätte?

Hatte ich. Gesagt, getan, zwei Tage später stand Baby auf dem Hof. Mittelrahmige schwarzbraune Dame mit annehmbaren Gängen, Ziel der Arbeit sollte das klassische gehobene Freizeitpferd sein. Fernziel Muttitransporter, genau meine Zielgruppe also.

Auf Nachfrage erzählte man mir, dass Baby longiert sei und Sattel und Trense bereits kennen würde, jedoch aufgrund ihrer geringen Körpergröße noch keine Bekanntschaft mit dem Reitergewicht gemacht und das letzte dreiviertel Jahr nur auf der Weide zugebracht habe. Also sei Baby praktisch als rohes Pferd anzusehen. Kultur habe sie aber schon, man sei ja schließlich nicht gerade erst in die Zucht eingestiegen.

Da ich ja immer an das Gute im Menschen glaube, habe ich das Gerede für bare Münze genommen, und mich langsam an Baby herangetastet. Wie man das so macht. Am Boden Vertrauen aufbauen, schauen, wie sie sich im Umgang verhält, und so weiter und so fort. Schnell zeigte sich: Baby war ein richtiges Rotzgör. Sie hatte keinen Respekt. Vor nichts und niemand. Nicht vor mir, nicht vor Menschen im Allgemeinen und auch nicht vor anderen Pferden. Ich musste sie nach einigen Tagen zur Einzelhaft auf der Weide verdonnern, weil sie alle anderen Pferde so verfrackte, dass ein entspanntes Leben im artgerechten Offenstall für keinen der Bewohner möglich war. Auf Nachfrage meinerseits zweifelte die Besitzerin glatt an meiner Kompetenz und meinte, es sei für Baby doch vielleicht alles zu viel geworden, sie Umstellung und das neue Futter und so. Nun gut, blieb Baby also in der Box mit Einzelweide und ich fing an mit ihr zu arbeiten.

Longiert war sie gut, das stellte sich schnell heraus. Den Gurt kannte sie auch, auch das war gut zu sehen. In aller Seelenruhe watschelte sie mit mir vom Stall zur Halle. Sobald ihre Füße aber den Sand berührten, verwandelte sich die zuckersüße Baby in ein Monster in Pferdegestalt. Ich habe vorher und auch seitdem nie wieder, ein Pferd so bocken sehen. Das ganze Tier wurde rund wie eine Bowlingkugel während es Haken schlagend wie Bucks Bunny auf Extasy durch die Halle flippte. Dabei war sie durchaus ausdauernd und es zeigte sich, dass eine gute Grundkondition vorhanden war. Nach einer halbstündigen Bronco-Einlage war kein nasses Härchen am Baby auszumachen.




Ich habe pflichtschuldig die Besitzerin angerufen und nachgefragt. Die Antwort hätte spätestens alle Alarmglocken bei mir klingen lassen müssen: „Also das hat sie ja noch NIIIIIEEE gemacht“ Ob mein Gurt denn passen würde, ob ich zu doll angegurtet hätte, ob ich Baby vielleicht doch überfordert hätte,etc. pp….? Nein, hatte ich alles nicht. Meine Frage, ob ich das Tier mal tierärztlich untersuchen lassen dürfe, wurde spontan bejat. Habe ich auch. Dämlich wie ich bin, hab ich den Spaß natürlich selber bezahlt, aber man will ja nicht mit kranken Pferden arbeiten.
Röntgenbilder, klinische Untersuchungen und die Ostheopathin meines Vertrauens sagten: Die ist nicht krank, die will nur nicht. Also gut, nun hieß es kreativ zu werden. Man hatte ja schließlich einen Ruf zu verlieren.

Nach knapp vierzehn Tagen mit Gurt waren zwischen den Bock-Attacken auch einigermaßen klare Gangarten zu identifizieren, also haben wir uns einen Schritt weiter gewagt, und das edle Tier gesattelt. Same procedure as last Time, Baby verwandelte sich in einen bockenden, fauchenden Rodeodrachen.

Nach weiteren sechs Wochen gesäumt von unendlich viel Geduld und diversen Verletzungen am menschlichen Bodenpersonal geschuldet der Tatsache, dass wir alle dachten: „Wenn man die irgendwie aus ihrem Wahn holen könnte, würde sie vielleicht mal nachdenken, und…“ , waren wir soweit, dass ich dachte, ich könnte es wagen, meinen Allerwertestzen auf Baby’s Rücken zu schwingen. Die Idee war gut, die Ausführung war, äääh, Schiene…
Sobald mein Fuß den Steigbügel auch nur leicht berührte, verfiel Baby in altbekannte Verhaltensmuster und bockte von Dannen, das es eine Freude war.

Die Besitzerin wurde inzwischen leicht ungehalten, dass auf Baby nach acht Wochen keiner draufgesässen hätte, wäre ja wohl eine Frechheit, das Tier von ihren Bekannten sei schließlichnach sechs Wochen schon wieder zu Hause gewesen und ein braves Reittier. Meine Gegenfrage, warum denn bislang auch noch keine einzige Rechnung bezahlt sei wurde ausgekontert mit einer Schimpftirade über faule Bereiter und Geldschneiderei.

Nun gut, hieß es also, kreativ zu werden. Aus einer alten Jeanshose, Stroh und ein paar Gefrierbeuteln mit Sand haben wir einen Dummy gebastelt. Dieser wurde fest am Sattel verzurrt und jeden Tag ein wenig mehr beschwert.
In Woche 13 nach Babys Ankunft war der große Tag gekommen. Der Dummy wog knapp 30 kg und Baby hatte nur ein ganz kleines bisschen (also ca. fünf Minuten) gebockt und danach recht friedlich ihre Runden gezogen.
Ich sagte gerade zu meinem Helferlein: „Ich hol mir gleich den Helm und dann versuch ichs einfach mal…“ als Baby auseinanderflog, wie eine Sylvesterrakete. Die Wahrnehmung verzerrt in der Retrospektive sicherlich ein wenig, aber ich würde heute beschwören, dass das Tier den Boden um mindestens drei Meter verlassen hat. Während dieses gewaltigen Bocksprungs schlug sie mit dem Hinterfuß so nach vorne aus, dass sie genau zwischen am Gurt befestigten Steigbügel und an jenem festgezurrten Dummy-Hosenbein traf. Mit einem gewaltigen Ruck zog sie sich den Sattel unter den Bauch und fetzte in der Runde, dagegen ist jedes Vollblutrennen ein Nachmittagstee.

Ich verfiel augenblicklich in absolute Schockstarre und schaute dem Schauspiel zwei Runden lang mit offenem Mund zu. Als ich wieder zu mir kam, wurde ich in wenig wütend, war doch der Sattel, gegen den Baby permanent mit aller Kraft trat, selbstbezahlt und nicht gerade günstig. Also habe ich sie mit Wutgeheul, dass man sicher auch noch 50 Kilometer weiter hören konnte und einem gewaltigen Ruck an der am Halfter eingehängten Longe (Wir wollen doch nicht, dass das arme Baby bei jedem Bocksprung einen in die Schnüss bekommt, nicht wahr…?) so irritieren können, dass sie anhielt.

Nach Entfernen des Sattels und den kläglichen Überresten des armen Dummys war ich so in Rage, dass ich mein Helferlein anwies, das Tier festzuhalten, koste es was es wolle. Jetzt und hier und heute würde das ausdiskutiert. Entweder sie entschließt sich dazu, mich wenigstens zehn Sekunden durch die Gegend zu tragen, oder sie könne meinetwegen bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Binnen drei Sekunden habe ich Baby wieder gesattelt und mich auf ihren Rücken geschwungen (Wer mich kennt, weiß, wie utopisch diese Vorstellung eigentlich aufgrund meiner körperlichen Verfassung ist, aber ich war so in Rage, dass ich nicht mal Red Bull benötigte um Flügel zu kriegen…) und Baby stand.

Sie stand wie die berühmte deutsche Eiche, atmete ruhig und schaute sich ihre Umgebung an. Auch geführt im Schritt und an der Longe machte sie brav ihren Job und trug mich durch die Gegend, als ob sie niemals etwas anderes getan hätte. Von diesem Tag an hat sie keinen einzigen Bocksprung mehr gemacht und war ein wahrer Musterschüler.

Weitere zwei Wochen später konnte ich sie der Besitzerin vorreiten, die zu diesem Anlass ihren Angetrauten mitgebracht hatte. Beide beobachteten, wie Baby unter mir artig ihre Runden zog und abschließend noch ein wenig am langen Zügel ins Gelände dackelte. Was ich dann erfuhr, treibt mir auch heute noch den Puls hoch. Der Ehemann zeigte sich sehr überrascht, wusste er doch gar nicht, dass Baby sich in meiner Obhut befand. Er wähnte sie immer noch auf der Sommerweide, man hätte sich im Herbst Gedanken über das weitere Verfahren mit dem Untier machen wollen.

Untier? Ich wurde hellhörig. Der Herr ließ sich nicht lange bitten und breitete bereitwillig Babys Geschichte vor mir aus. Ende dreijährig hatte man sie von einer Amateurreiterin aus der Nachbarschaft antrainieren lassen. Anfänglich hatte das auch noch ganz gut geklappt, aber irgendwann war die Reiterin leider mit frakturiertem Lendenwirbel im Krankenhaus gelandet. Dementsprechend hatte man das Geschoss dann weiter in einen Profistall verfrachtet. Nach drei Wochen und zwei deutlich verletzten Bereitern hatte dieser das Pferd ‚return to sender‘ als der Arbeit nicht wert frankiert. Außerdem hatte das liebe Tier bereits als Jährling eine derartige Soziopathie Artgenossen gegenüber entwickelt, dass man es nicht habe verantworten können, sie mit einem anderen Pferd als der eigenen Mutter auf die Wiese zu lassen. Diese sei im Übrigen auch in der Zucht gelandet, weil sie schlicht und einfach unreitbar und gefährlich war.

Mir sausten die Ohren. Diese Informationen bei Lieferung des Pferdes zu unterschlagen, grenzt meiner Meinung nach an mutwillige Körperverletzung… Ich habe den Herrn gebeten, postwenden nach Hause zu fahren, egal ob auf Hin- oder Rückweg an der Bank anzuhalten, um Baby auszulösen und mit ihr zu machen, was auch immer ihm beliebe. Unter dem Reiter war sie inzwischen brav, das konnte ich ihm auch gerne schriftlich geben. Baby ist zu einer tollen jungen Frau gekommen, Zeit ihres Lebens Einzelpferd geblieben , und zu einem großartigen Schleifensammler und zähen Kämpfer im ländlichen Vielseitigkeitssport herangewachsen.
Diese ganze Geschichte hat einen glücklichen Ausgang gefunden, was auch immer der entscheidende Faktor gewesen ein mag. Fakt ist aber, dass sie für mich und auch für das Pferd aber dsurchaus hätte übel ausgehen können. Die Besitzerin redete sich übrigens damit heraus, dass sie aus Fairness zum Pferd eine neutrale Herangehensweise des Beritts haben wollte und deswegen die Geschichte von Baby unerwähnt liess. (Ja ne, ist klar, deswegen hat sie auch permanent gemotzt, das es zu lange dauert und Baby das alles noch niiiie gemacht hat…)

Ich habe aus dieser Geschichte (an der übrigens kein einziges Detail übertrieben, dazugedichtet oder weggelassen ist…) eine Menge gelernt. Ich habe nie wieder Pferde von Fremden oder auf Empfehlung in Beritt genommen. Auch diejenigen von Freunden und Bekannten, die ich angenommen habe, habe ich mir lange und eingehend zuhause in der gewohnten Umgebung betrachtet. Mir kommt nie wieder ein Pferd in den Stall, von dem die Besitzer sagen:“ longiert haben wir schon, kennt Sattel und Trense, aber drauf gesessen hat garantiert noch keiner… „Schade um die ehrlichen Leute, aber ein gebranntes Kind scheut das Feuer. Generell gilt: Immer lieber ein Pferd, das nix kennt, als eines, was bereits versauigelt wurde.

Außerdem habe ich noch eine wichtige Lernerfahrung gemacht. Unbewegliche Dummies kommen bei mir nicht mehr aufs Pferd. Heute nehme ich zum Anreiten die Nachbarskinder, die sind flexibel, mobil, haben die besseren Flugeigenschaften und wenn Eines zeitweilig defekt ist, kann man einfach ein Neues nehmen und muss nicht zeitaufwändig basteln „wink“-Emoticon

(Für die ganz genauen: Der letzte Absatz ist tatsächlich nicht ganz 100 prozentig Ernst gemeint…)

Schreibe einen Kommentar

Facebook