Top 3: Zickenkrieg



Mein erster Reitlehrer hat einmal zu mir gesagt: „Diskutiere nicht mit einer Stute! Wallache, Hengste, komplett egal, aber mit einer Stute fängst du bitte erst einen Krieg an, wenn du sicher bist, die bessere Bewaffnung zu haben und diesen Krieg letztendlich auch gewinnen zu können.“

Er hatte Recht.

Es lohnt nicht, mit Frauen zu dikutieren, wer wüsste das besser als ich, bin ich doch selber eine. Und beim weiblichen Geschlecht gilt nach wie vor die Regel aller Regeln. Regel Nr.1 nämlich: Frau hat immer Recht. Wenn man es nicht glaubt, kann man gerne bis zu Regel Nr. 2 weiterlesen: Sollte Frau einmal nicht Recht haben, tritt Regel Nr. 1 in Kraft. Nach dieser Prämisse lebe ich seit Jahrzehnten und das nicht gerade schlecht. Nur hätte ich nie gedacht, dass es eine Dame gibt, eine mit vier Beinen, die ihre Trauben höher hängt als die meinen, und ihr eigenes egozentrisches Weltbild in den Mittelpunkt meiner
Regelthese stellt.

Aber es gab sie, gibt sie noch, lediglich Besitz und Beritt haben sich inzwischen geändert. Aus Rücksicht auf ihre Persönlichkeitsrechte (und zum Schutz derselbigen ihrer aktuellen und vergangenen menschlichen Sklaven) werde ich sie im Folgenden nur „das Weib“ nennen und nicht ihren vollen Namen verwenden.

Das Weib kam zu uns, als sie nicht einmal ein ganzes Jahr alt war. Braun, langbeinig, edel, schön liniert, so stand sie beim Züchter in der Box. Aus Platzmangel noch bei Fuß der Mutter, einer super lieben bewegungsstarken Stute und eben darum auch recht günstig zu erwerben. Das Weib kannte noch nicht viel, Halfter, anbinden odr gar Hufe geben waren ihr fremd. Was solls, dachte ich, besser unverdorben als unerzogen.

Es ging auch beim Züchtr ganz annehmbar auf den Anhänger, als wir bis zu Hause nicht ein Geräusch aus dem Transportgefährt hörten, hätte ich eigentlich stuzig werden müssen.
Bin ich aber nicht. Ich habe mich gefreut, dass das Weib so wenig Stress hat. Mit dem alleine sein, mit dem Fahren, generell mit dem Leben. So manches mal habe ich mir später gewünscht, dass das verflixte Weib endlich mal in Stress gerät. Aber so richtig, so mit Panik und Herzrasen und so. Einfach nur, weil sie es verdient hätte.

Damals war ich aber noch aufgeregt und vor allem jung, naiv und dumm. Ich lud das Weib vom Transporter in die Laufbox zu unseren anderen Jungen, sie ging selbstbewusst auf Letztere zu und vertrimmte ie erst mal nach allen Regeln der Kunst. Eine dreistellige Terarztrechnung für diverse geklammert Wunden war das erste Lehrgeld, was es zu zahlen galt, viel weiteres sollte folgen.

Das Weib hat Zeit ihres Lebens andere Pferde gehasst. Alle drei Wochen war sie der Meinung, dass es vollkommen unter ihrer Würde sei, ein Nylonhalfter über den Kopf gestülpt zu bekommen um mit dem an selbigem befindlichen Strick zur Wiese gelotst zu werden. Also drehte sie uns einfach den Allerwertesten zu und pfefferte so lange mit den langen Hinterhaxen aus, bis auch der langsamste schlussfolgern konnte: „es möchte heute im Bett bleiben“ Und das blieb es dann auch. Muttrseelenallein stand es in der LAufbox, während die kumpels draußen grasten, spelten, hüpften und spielten. Dem Weib war das nicht nur egal, es freute sich regelrecht über die sturmfreie Bude.

In fortgeschrittenerem Alter wurde aus dem Weib ein Reitweib. Oder zumindest sowas in der Art. Nach den ersten vier Wochen des Anreitens informierte mein Stallbesitzer recht höflich, dass ich doch demnächst vielleicht eine Buche aus dem heimischen Wald mitbringen sollte, oder vielleicht gleich zwei, es seien doch eine Menge Bretter in der Bande zu ersetzen. Egal was auch immer dem Weib nämlcih gegen den Strich ging (und der Strich war sehr einseitig und sehr schmal), wurde nit energischem ausfetzen geahndet. Aber nciht in die Luft, nein, immer dahin, wo möglichst viel Krach erzeugt wurde. Von derlei renitenter Arbeitsverweigerung recht bald ermüdet, gab ich das Weib an meinen jüngeren Bruder ab.

Er und das Weib entwickelten eine geradezu symbiotische Reitbeziehung. Das Weib hatte keine Lust sich anzustrengen, und mein Bruder hatte keine Lust, zu diskutieren. Deswegen wurde das Weib quasi über Nacht zum Freizeitpferd, es hatte von nun an wirklich viel Freizeit. Da es aber nach wie vor den ganzen Tag überaus ärgerlich seine Weidekameraden durch die Gegend scheuchen musste, hatte es eine derart ausgeprägte Kondition, dass eine relativ erfolgreiche Turnierkarriere des Bruder-Weib-Duos begonnen wurde, trotz gänzlich fehlender Trainingseinheiten. Turniere fand das Weib nämlich meistens ganz witzig. Da gab es nämlich neue Opfer für perfide geplante Beiss- oder Klopp-Attacken. Außerdem sahen die Sprünge da wohl immer so hübsch bunt aus und der Geruch der Frittenschmiede setzte verborgene Energien frei. Warum auch immer, am Wochenende rief das Weib regelmäßig sportliche Höchstleistungen ab.




Aber wehe, das Weib wurde von den bösen Hormonen geplagt. Wenn das Weib rosste, dann rosste es. Aber so richtig. Dann war es fünf Tage lang anhänglich, liebesbedürftig und furchtbar schmusig. Nur mit dem Reiten hatte sie es dann gar nicht, führte doch jeglicher Schenkeldruck dazu, dass sie breitbeinig stehen blieb, den Schweif hob und gar flehentlich nach hinten schaute. Die Rosse mit allen Nebenwirkungen konnte beim Weib ganz unregelmäßig und auch recht plötzlich auftreten. Mein Bruder hatte hierfür eine siebten Sinn. Er konnte morgens nach dem Putzen schon sagen, ob es Sinn hatte, das Weib zum Turnier zu karren, oder nicht. Sagte der Bruder: „Das Weib fühlt sich heute nicht so…“ war es stets für alle Beteiligten besser, das Dream Team zu Hause zu lassen, scheiß aufs Nenngeld, Seelenheil ist wichtiger.

Eines Tages habe ich den folgenschweren Fehler begangen, mir das Weib auszuborgen. Fürs Turnier natürlich, fürs Heimturnier genauer gesagt. Mein reitbarer Untersatz hatte einen gelben Schein eingereicht, mein Bruder verschlafen, rechtzeitig zu nennen, also wurde mir das Weib großherzig ausgeliehen. Es sollte nichts ausgesprohen anspruchsvolles werden, eine L-Dressur und ein A-Springen, beides eigentlich Übungen, die das Weib zu hunderten und mit dem Finger in der Nase absolviert hatte. Aber ich habe einen Fehler gemacht: ich wollte üben. Nurn ein einziges Mal und nur ganz kurz, aber das hat das Weib so nachhaltig auf die Palme gebracht, dass sich jede der folgenden Szenen nachhaltig auf meine Netzhaut eingebrannt hat.

Das Üben selber brachte die Dame schon so zur Weißglut, dass sie jegliche Hilfengebung nach dem Gegenteilprinzip beantwortete. Auf Bein Bremsen, auf Paraden losschießen, links lenkung gleich Rechtswendung etc. pp. An ein Üben der Aufgabe war schon gar nciht zu denken. Also zähneknirschend das Weib wieder verladen und ihr angedroht, dass sie nach einr weiteren Aktion dieser Art meinethalben auch gerne eine Zweitkarriere als Hundefutter und Rosshaarbesen starten könnte. Am nächsten Tag war sie tatsächlich brav. Einflechten, putzen, verladen, abreiten. Totbrav. Unheimlich brav. Ich hätte auf der Hut sein sollen. War ich aber nicht. ICh hatte ein emotionales Hoch mit einem sensationellen Ritt in einer L-Dressur auf einem sensationell bewegungsstarken und durchlässigen Pferd und ich glaube, ich habe im Kreis gegrinst, bis…

Ja, bis die Dame bei der abschließenden Trab-Parade aus dem Kontergalopp genau vor dem Richtertisch alle vier Füße in die Erde rammte, ächzend in die Knie ging und dem ehrenhaften Kollegium gefühlte zwanzig Liter vor die Nase schiffte. Sie hatte beschlossen, rossig zu werden, und zwar ganz spontan. Danach ging nichts mehr, wir haben es noch geschafft, unter quietschen und stöhnen im versammelten Schritt die Bahn zu verlassen. Das mein Kopf die Farbe einer reifen Tomate hatte ist wohl selbstverständlich… Das Springen haben wir gestrichen, ich wollte nciht vor dem erten Sprung eine metergroße Urinlache für meine Nachreiter hinterlassen.

Das Weib war am nächsten Tag nicht mehr rossig und war bis zu ihrem Verkauf in allerbeste Hände wieder zusammen mit meinem Bruder glückliches und hocherfolgreiches Turnierpferd mit viiiel Freizeit. Ich habe sie nie wieder geritten und mir eines geschworen:
Nie wieder diskutiere ich mit einer Stute, wenn ich nicht mit absoluter Sicherheit, Netz und doppeltem Boden weiß, dass ich die besseren Waffen habe. Wenn ich das nicht weiss, gehe ich lieber ein Bier trinken, oder auch zwölf, das ist bedeutend produktiver.

Ein Gedanke zu „Top 3: Zickenkrieg

  • 14. April 2016 um 10:10
    Permalink

    Hallo,

    ich bin, neben 2 artigen Wallachen, auch Besitzerin „eines Weibs“. :-))
    Sie ist nicht ganz so dreist, wie euer Weib, aber auch sie bedarf einer besonderen Bedienunganleitung, die ich in jetzt 5 Jahren zu lesen gelernt habe. Also nix AEG-Pferd. Dafür Einfraupferd. :-))

    Trotzdem – oder gerade deswegen – muss ich meinen Kommentar hinterlassen:
    Ich habe eben Tränen gelacht. Herrlich. Man spürt, trotz aller Ironie, aus jedem Satz die Liebe zum Pferd.
    Alle Daumen hoch, ich hoffe, es gibt noch viele solche Geschichten zu lesen.

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