Top 4: Missachtung der Regeln



Kennt Sie noch einer, die alten Bahnregeln? Wer Stroh im Schweif hat, gibt einen aus, aufsitzen nur auf Kommando, alle nebeneinander auf der Mittellinie mit dem Kopf zur Tür, alle auf einer Hand, Handwechsel wird angesagt, Schritt reiten nur auf dem dritten Hufschlag, etc.?

Antiquiert und angestaubt muten diese heute an, haben aber alle irgendeinen Sinn. Eine weitere Regel bei uns lautete früher: Wer mit Sporen auf die Straße oder ins Casino geht, gibt einen aus. Ich habe gegen diese Regel verst0ßen. Und ich habe bezahlt. Mit einem Kasten Bier und einem Blech Butterkuchen.

Wie es dazu kam? Ich hatte einen selbstgezogenen Wallach im Reitstall. Namentlich Steffen. Ursprünglich hieß er mal Steven, benannt nach Papa Spielberg, aber aufgrund seiner mimosenhaften Art schnell umbenannt in Steffen, und nachdem er alle ‚Hengste des Stalles wild machte irgendwann in Schwester Stefanie.
Steffen war ein Weichei, wie es im Buche steht, ein richtiger Mann eben. In der Herde hatte er n ichts zu melden, liess sich sogar vom Shetty verprügeln und wusste keinen anderen Ausweg, als nach Mama zu weinen. An der Hand bekam er Schweißausbrüche, wenn der Schlauch einmal anders aufgerollt an der Wand hing als sonst und war nur unter Aufbietung geduldigster Überredungskünste dazu zu bewegen, den Hof an der Mülltonne des Grauens vorbei in Richtung Weide zu verlassen.

Nur unter dem Reiter war Steffen glücklich. Vom ersten Aufsteigen an zeigte sich, dass er mit einem Bein links und einem rechts am mageren Mittelstück hochhaushoch über sich hinauswachsen konnte. Er war regelrecht mutig, konnte über Stangen traben, an Monstern vorbei alleine ins Gelände, in der Gruppe vorne gehen, Sprünge mit Unterbau springen. Kurzum, Steffen war kein Handpferd, er war eben ein Reitpferd. Und als Reitpferd mutierte er zu Super-Steffen.

Nun begab es sich im Winter kurz vor seinem vierten Geburtstag, dass Steffen krank wurde. Richtig krank. Dickes Einschussbein in Kombination mit ganz fiesem Männerschnupfen, fast 39 Fieber über einen halben Tag. Steffen war sich sicher, bald sterben zu müssen, in Gemeinschaftsarbeit mit den Tierärzten haben wir ihn aber doch noch retten können. Er war aber drei Wochen lang so unfassbar totkrank, dass er nur Schritt an der Hand gehen konnte. Ansonsten stand er wie ein Häufchen Elend herum, hüstelte vor sich hin und bemitleidete sich selber.

Nach erfolgreicher Überwindung der Krise wollte ich Steffen wieder anschieben. Im Hinterkopf seine persönlichen Präferenzen, war ich mir sicher, das am besten unter dem Reiter vorzunehmen. Ergo Steffen gesattelt, hoch den Hintern und erstmal schön am langen Zügel Schritt reiten. Zwanzig Minuten, wie gewohnt. Vor der Arbeit ausgiebig Schritt zu reiten wärmt nicht nur das Pferdchen anständig auf, sondern sorgt auch für bessere Möglichkeiten der sozialen Interaktion mit den Mitreitern. Das Ausnutzend wurde wie üblich anständig geschnattert.

Nachdem ich der Überzeugung war, genug Schritt geritten und geschnattert zu haben, wollte ich behutsam antraben, am hingegebenen Zügel selbstverständlich, falls es im Mimosenhälschen doch noch ein bisschen Kratzen sollte. Ich legte also beide Beine an Steffens über die Pause minimal gewachsenen Bauch und es passierte… …Nichts.
Gut, nach drei Wochen Reitabstinenz können die Synapsen bei so Mäönnern ja schon einmal ein bisschen eingerostet sein, dachte ich mir. Also griff ich mit den Schenkeln etwas beherzter nach.
Und Steffen? Der machte einen Katzenbuckel und hüpfte mit allen vieren drei Zentimeter in die Luft. Anschließend glotzte er kuhäugig in die Welt und stand wie ein Reiterdenkmal. Jetzt wäre eigentlich der Zeitpunkt gekommen, nachzudenken, abzusteigen, die Zügel nachzufassen, die Knie zuzumachen, oder einfach irgendwie sinnvoll zu reagieren. Hab ich alles nicht getan.

Ich habe selten dämlich geiernd zu meinen Mitreitern gebrüllt: „Kuck mal, wie witzig, Steffen bockt!“ und ihm stehender Weise nochmal schön einen in die Rippen gedonnert. Und dann bockte Steffen. Und wie er bockte! In bester Broncomanier, Kopf zwischen den Karpalgelenken, den Schweifansatz in der Poritze verklemmt, achter Brustwirbel höchster Punkt.

Ich mit meinen Fahrleinen habe ein überaus köstliches Bild abgegeben. Mit jedem Bocksprung höher in die Luft katapultiert hatte ich die Hände fast am Kinn um irgendwie die Kontrole über den Pferdeschädel wiederzuerlangen. Nah zwanzig Metern habe ich es dann aufgegeben und bin elegant wie ein nassgewordener Mehlsack abgeflogen und in den Hallensand eingeschlagen. Ich habe im Sand gesessen und Tränen gelacht über meine eigene Dummheit, denn auf einmal war mir sonnenklar, wie dieser Sturz zustande gekommen war.

Bei der Landung kam mein Allerwertester nämlich auf meiner rechten Hacke zu liegen. Da ich im Allgemeinen recht gelenkig bin, wäre das nicht weiter schlimm, aber ein unangenehmes Stechen im Gluteus Maximus wies mich dezent darauf hin, dass ich vom Pferd vorher abgestiegen war und gegen die wichtigste Regel verstoßen hatte: ich hatte meine Sporen dran gelassen.




Der arme Steffen, der in seiner kurzen Reittierkarriere Metall nur als Lenkgestänge in der Schnüss kennengelernt hatte, muss gedacht haben, ihm stechen parallel zwei Monsterhornissen in die Seiten.
Genauso stand er auch nach meinem Freiflug in der Ecke, schnaubend und prustend riss er die Äuglein auf und verstand die Welt nicht mehr. Ich habe ihn getröstet und bin, selbstverständlich nach Abnahme der Sporen, wieder aufgestiegen und konnte ihm nach kurzem Misstrauen das reiten auch wieder genauso schmackhaft machen wie vorher. Er hat genauso wie vor diesem Vorfall auch danach nie wieder auch nur einen falschen Tritt unter dem Reiter gemacht und ist im neuen Zuhause der Liebling aller Kinder.
Seither weiß ich ein paar Sachen ganz genau: Auch ein supertotenbraves Jungpferd ist immer noch ein Jungpferd und wird eben auch manchmal reagieren wie ein Jungpferd.
Nie wieder steige ich nach drei Wochen Schritt Pause bei Außentemperaturen von Minus 5 Grad ohne abzulongieren auf einen gerade angerittenen Dreijährigen. Ich fasse vor jedem Antraben die Zügel soweit nach, dass ich im Notfall meine Hände für etwas anderes benutzen kann als mir unfreiwillig in der Nase zu bohren.

Und, das wichtigste von allen: Ich ziehe meine Sporen aus, sobald meine Füße den Boden berühren. Ein Kasten Bier für die Sporen auf der Straße und einen Butterkuchen fürs Runterfallen geht bei Häufung solcher Vorfälle nämlich ziemlich ins Geld.

…to be continued

Schreibe einen Kommentar

Facebook