Weltfest des Pferdesport



Das Weltfest des Pferdesports hat mal wieder stattgefunden. Also fast. Dieses Jahr wurde es reduziert auf einen Kontinent. Europameisterschaften lautete der offizielle Titel des zweiwöchigen Spektakels, das in Aachen bis zum letzten Wochenende alle Reitsportbegeisterten auf den Beinen gehalten hat. Die Presse betitulierte dieses Event als ‚Reit-EM‘ trotzdem durften die Fahrer und die Voltigierer auch mitmachen. Nicht mitmachen durften dafür die Distanzreiter und die Buschis. Letztere, also die Vielseitigkeitsreiter, konnten aber schon irgendwie dabei sein, in einem eigenen Nationenpreis, da gab es aber keine Medaillen zu gewinnen. Dafür dürfen sie sich demnächst nämlich nochmal extra in Schottland abstrampeln.
Im Folgenden möchte ich eine kleine (nein, klein gibt’s bei mir nicht, wortreich und schwadronierend, wie immer, wer keine Lust hat, lange Texte zu leden, is hier leider falsch) Zusammenfassung dieser Veranstaltung geben. Es ist wie immer nicht alles auf die Goldwaage zu legen, ich bin mir manchmal schon selber nicht mehr sicher, was ich ernst meine und was nicht, deswegen kann ich schon verstehen, wenn da einer durcheinander kommt.
Beginnen möchte ich mit einer Abhandlung über den Dressurteil der Meisterschaft und einen kleinen Überblick über den Beginn der Spiele

Den Auftakt zu diesem Megaevent lieferte eine grandiose Eröffnungsfeier, bei der sich alles präsentierte, was irgendwie mit Pferden zu tun hat. Hunderte von Vierbeinern wuselten durch die Arena und zeigten die verschiedenen Facetten des Umgangs mit dem Partner Pferd. Allerlei Reiterprominez durfte im Sattel oder in der Kutsche eine Winke Winke Runde durch die Arena drehen, von Hans-Günther Winkler, der einst auf diesem Rasen mit seiner unvergessenen Halla Geschichte schrieb über Jos Lansik, der mit seinem Schimmel hier zum Weltmeister gekrönt wurde bis zu Isabell Werth und Anky van Grunsven, die sich in diesem Stadion geschichtsträchtige Duelle lieferten. Die ersten zwei durften bereits in Abendgarderobe für die folgende Party lässig aus der Kutsche fuchteln, die beiden letzteren waren im Sattel von braven alten Zwockeln unterwegs. Die eine wirkte entspannt, die Andere krallte sich in Erinnerung an rasante Ehrenrunden am Zügel fest. Den letzten Rappen, den sie in dieser Umgebung galoppieren ließ, konnte sie schließlich erst kurz vor Bagdad wieder bremsen.

Gekrönt wurde der Abend durch eine 128köpfige Quadrille von Landesbediensteten, sprich 64 Hengsten der deutschen Landgestüte und deren zum Großteil verbeamtete Reiterlein. Ein prominentes Gesicht war auch unter den Reiterlein, auch vom Staat bezahlt, aber nicht fürs Reiten. Verteidigungsministerin Ursula ‚Röschen‘ von der Leyen durfte auf einem braven Leihhengst aus Celle zeigen, dass sie zu Verdener Auktionszeiten unter Köhler gelernt hat, höchstanständig auf dem Pferd zu sitzen. Ein paar Großaufnahmen ihres konzentrierten Gesichtes weniger, dafür mehr von den tollen Luftaufnahmen der exakt gerittenen Quadrille hätten mir bei der Fernsehübertragung zwar auch gut gefallen, aber was solls, Promis auf dem Pferderücken sind immer eine gute Werbung für unseren Sport. Eine kleine berittene Truppe in der Bundeswehr, das wäre doch mal eine Innovation für unser Land. Frau von der Leyen vorne weg, die Kavallerie hinterher zum Zapfenstreich vorm Kanzleramt. Pferde kriegen keine Ladehemmung, neigen eher selten zu Explosionen und friendly fire und laufen komplett auf Bio. Im Schadensfall sind sie auch komplett wiederverwertbar, nicht so ein Haufen Blech, wie ein ausgemusterter Panzer. Aber lassen wir das…

Am nächsten Tag durften auch sofort die Dressurreiter ans Werk. Deutschland wollte den Titel mit der Mannschaft. Schon der Tradition wegen. Gerechnet hatte man im Vorfeld, ein Kopf- an Kopfrennen mit den Gästen von der Insel war vorausgesagt. Gold sollte es aber unbedingt werden, deswegen wurde bei der Mannschaftsaufstellung kein Risiko eingegangen. Drei championatserfahrene Paarte sollten den sprichwörtlichen Karren aus dem Dreck ziehen um der Newcomerin im Team (Jessica von Bredow-Werndl) ein befreites Aufspielen zu ermöglichen. Letzteres funktionierte hervorragend, ersteres misslang total. Nach dem Auftritt des schwarzen Wunderhengstes Totilas regte sich die Allgemeinheit zunächst fürchterlich über unfaire Richterurteile auf, nach mannigfacher Wiederholung des Rittes schließlich doch eher über ein augenscheinlich ‚nicht taktmäßig‘ (lahm ist ein hartes Wort) präsentiertes Pferd. Die deutsche Richterin, die von der ihr am Viereck zugedachten Position die Humpelei wohl vortrefflich sehen konnte und den deutschen Wunderesel empfindlich abstrafte, mag sich später ein paar Schweißtropfen von der Stirn gewischt haben, sah es doch zunächst so aus, als würde der deutsche Pferdemob sie mit Brandfackeln durch das nahe Aachen jagen wollen.

Weil aber auch der schwarze Wunderwallach der Engländer nicht seine Sternstunde erwischte, wurde das Mannschaftsgold nicht auf die andere Seite des Kanals verfrachtet, sondern blieb hier. Also nicht im Austragungsland aber nicht weit davon weg. Direkt hinter Aachen befindet sich ja bekanntlich die Grenze zum Land der käseessenden, orangetragenden Fähnchenschwenker. Die hatten ihre beiden Wunderwaffen aus Österreich geordert und diese erwiesen sich als zielsicher. Auf den Punkt konnten sie zusammen mit ihren jungen Mannschaftskollegen das Gold nach Holland holen.

Weil in der hohen Dressur aber ja jedes Wochenende drei verschiedene Aufgaben geritten werden, sollte mit dem Grand Prix nach zwei Tagen noch nicht alles gegessen sein. Für die Einzelmedaillen mussten die besten dreißig des Starterfeldes am Freitag nochmal antreten und den Grand Prix Special möglichst fehlerfrei überwinden, die besten zwanzig dann am Sonntag noch einmal in der Königsdisziplin, der Kür zur Musik. Vielen gelang das gut, Einigen eher nicht so. In der Rangierung schlug sich das dann auch nieder. Zumindest manchmal. Unangefochten an der Spitze Valegro mit Charlotte Dujardin, jene kleine holländische Knutschkugel, die unter englischer Flagge sowohl auf der Stelle als auch im Vorwärts besonders ausdrucksstark die weißen Söckchen hochschleudern kann, ohne dabei besonders unzufrieden zu wirken. Ihm dicht auf den Fersen ein weiterer Schwarzer, der langbeinige deutsche Desperados der mit seiner Reiterin Kristina Bröring-Sprehe auch die Füße wunderbar entspannt durch den Sandkasten wirft, aber durch Abwesenheit der weißen Socken und Eindrücke von vorherigen Veranstaltungen in den Köpfen der Richter die englische Vorreiterin nicht einmal am Sonntag schlagen konnte, als letztere deutliche Fehler in ihrer Aufgabe hatte.

Dahinter oder dazwischen hatte man im Vorfeld des Spezial den besten Holländer vermutet, einen jener Österreich-Exporte, die mit einer kleinen Waffe am Revers daher geritten kommen. Als letzter Starter war sein Pferd aber sowas von über die Uhr gedreht, dass er nicht einmal zur Grußaufstellung bremsen konnte. Nach einigen erfolglosen Versuchen, das heiße Tierchen irgendwie in seine Schranken zu verweisen bretterte er über die vorgeschriebenen Wege, die Handbremse auf Anschlag. Daraus resultierte eine leicht rosige Färbung des Schaums im Maul des geifernden Ungeheuers, später dann eindeutig rot. Blut am Pferd, abgeläutet. Hier gab es noch mitleidige Stimmen der Öffentlichkeit, war doch zwei Tage vorher noch einhellige Meinung gewesen, dass eben jener Herr als Vorreiter vom deutschen humpelnden Wunderhengst, die deutlich bessere Wahl im Sattel dieses Jahrhundertkrachers gewesen war. Viel freundlicher, viel ausdrucksstärker, ja einfach mehr als Einheit habe er Totilas vor Jahren präsentiert. Der Wind drehte sich allerdings kurze Zeit später, als ein paar dutzend ‚Momentaufnahmen‘ vom Abreiteplatz unter Umständen eine Erklärung dafür lieferten, warum das neue schwarze Wundertierchen im Viereck hohldrehte. Den Unterkiefer auf die Brust gezogen, die Zügel zum Zerreissen gespannt hatte der holländische Waffenbruder den Bogen im Hals seines Reittieres wohl ein bisschen überspannt, Undercover sah im Viereck einen Silberstreif am Horizont und machte sich Luft als er diese wieder einatmen durfte. Jetzt fand keiner mehr, das Totilas besser bei Gal geblieben wäre, jetzt fanden alle, dass ein Reiter, der ein Video braucht um Taktunreinheiten in seinem Ritt zu erkennen, immer noch besser ist als einer, der die LDR Regeln der FEI bis auf die letzte hundertstel Sekunde ausreizt.




Apropos Totilas, dessen Entourage dürfte sich über die Hysterie um Edward Gal gefreut haben, der wurde nämlich statt ins Aachener Viereck in eine Tierklinik transportiert. Knochenödem lautete die Diagnose, Aus für die EM, Aus für immer, zumindest sportlich. In Zukunft soll der schöne schwarze Strampler ausschließlich für die Produktion schöner schwarzer Strampelfohlen sorgen und im Deckeinsatz eine aktive Rente genießen. Da die bisherigen Nachkommen nicht immer schön, nicht immer schwarz und nicht immer strampelig sind, werden seine Besitzer auch vielleicht die astronomische Decktaxe ein kleines bisschen nach unten korrigieren.

Auch ein weiterer Teilnehmer dürfte das Ausscheiden Edward Gals mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachtet haben. Hans Peter Minderhout, der sowohl privat als auch beruflich als auch im Nationalteam mit Edward Gal verbunden ist, kriegte den Kopf von seinem Johnson nämlich passend zum Einreiten ins Viereck in eine passende Position und freute sich über Bronze. Des einen Freud des Anderen Leid, so ist der Sport. England vor Deutschland vor Holland, da war die gottgewollte Ordnung des Dressursports beinahe wieder hergestellt.
Die alte Königin der Dressur, Isabell Werth konnte freitags nicht ins Geschehen eingreifen, ihr Navigationssystem war nämlich defekt. Dass sich auch Leute verreiten, die seit gefühlten hundertfünfzig Jahren jedes Wochenende dieselben Aufgaben absolvieren müssen, erleichtert mich irgendwie. Ich dachte immer, nur ich wäre so dämlich.

Die Reihenfolge änderte sich in der sonntäglichen Kür, weil Minderhout nicht an die Leistung des Spezial anknüpfen konnte und vor allem weil die Spanierin Beatrice Ferrer-Salat so herrlich unspektakulär und ungekünstelt einfach komplett fehlerfrei und losgelassen eine Kür vom Feinsten aufs Parkett legte. Nach den Skandalen um die beiden prominenten Rappen sahen sich die Richter wohl gezwungen, diese Art des Reitens zu honorieren. Vollkommen zu Recht, wie ich finde. Frau Bröring Sprehe und Frau Dujardin rückten punktemäßig bis auf einige Zehntel zusammen, Valegro kam bei den Galoppwechseln mit den Beinchen durcheinander, Desperados eben nicht. Das (deutsche) Publikum sah die Deutsche vorne, die (internationalen) Richter, die Engländerin. Isabell Werth büglete das freitägliche Missgeschick wieder aus und lies ihren Don Johnson mit vollem Risiko temporeich auf Platz vier nach vorne Brettern. Nicht ihre gewohnte Position aber der Zenit dessen, was Johnny zu erreichen im Stande ist. Herr Minderhout kriegte diesmal nichts ab, nicht mal Blech. Der hatte seine Medaille vom Freitag vielleicht ein bisschen ausgiebig gefeiert, bei Johnson war der Tank ein wenig leer. Somit waren alle Medaillen in Aachen verteilt, die Dressurreiter –Richter –Pfleger und –Offiziellen reisten wieder ab und hinterließen einen schalen Beigeschmack.

Aus dieser Dressureuropameisterschaft konnte ich als Amateur so einiges lernen:

Lahm ist nicht gleich lahm. Manchmal ist es auch nur eine Taktstörung, manchmal auch ein Kraftproblem, immer aber fit to compete, ein Vet Check ist schließlich keine Ankaufsuntersuchung.
Manchmal sind lahme Pferde auch gar nicht wirklich lahm oder ungleich oder taktgestört. Dann bilde ich mir das einfach nur ein.
Man muss nicht unbedingt immer gut sein um zu gewinnen, manchmal reicht es, wenn man früher immer gut war.

Richter Sind auch nur Menschen und sehr subjektive noch dazu. Bei denen kommt es vor, dass Bewertungen von Ritten je nach Tagesform und Sitzposition um bis zu 12 Prozent und dreißig Plätze unterschiedlich bewertet werden. Bei der nächsten Dressurprüfung auf dem Turnier mach ich mir keinen Stress mehr, da sitzen ja nur zwei Richter, die zusammen bewerten, das sind halt auch nur Menschen und wenn sie mich schlecht benoten, hatten sie einen schlechten Tag und eine ungünstige Sitzposition…

Wo kein Kläger, da kein Richter, heisst es so schön, in Aachen lernen wir, dass da wo zwar Kläger und Richter sind, noch lange kein Verfahren entstehen muss. Die Stewards und Richter am Abreiteplatz haben das Regelwerk der FEI genau studiert. Die stehen da mit einer Stoppuhr und achten genauestens darauf, dass die vierbeinigen Teile der Pferd-Mensch-Paarungen maximal zehn Minuten am Stück traktiert werden. In diesen Zehn Minuten können die Pferde aber praktisch auch einen Salto rückwärts schlagen, das ist dann egal.

Es empfiehlt sich, in Zukunft das Wort Dressur ein bisschen mehr nach seinem Wortstamm auszulegen. Hatte man bislang noch die vage Hoffnung, dass Dressur mit Gymnastizierung und Ausbildung des Pferdes in Einklang mit dessen Wohlergehen und Gesunderhaltung einher gehen, sieht es inzwischen doch so aus, das man mit dem klassischen dressieren auf Nummer sicher geht. Ganz vorne standen zwar viele Paare mit gutem klassischem Reiten, aber eben auch solche, die wirkten wie aufgezogene Marionetten. Wünschenswert wäre hier sicherlich eine eindeutige Differenzierung. Schönes Reiten belohnen, dressierte Äffchen abstrafen. Wenn das nicht gewünscht ist, sollte die FEI diesbezüglich demnächst ein Memo rausschicken. Bei den Pferden, die klassisch bis zu hohen Klassen ausgebildet sind, ist es zwar zu spät, aber meine Knaller sind alle noch jung, wenn nur noch zählt, dass die Räder bis zu den Ohren fliegen, kann ich jetzt vielleicht noch meine Methoden ändern….

…will ich aber nicht, viel zu viel Druck auf dem Zügel, ich bin einfach naturfaul, Reiten ist kein Kampfsport. Ich zerreis mir lieber weiter mein Schandmaul über die Anderen und dümpel Zuhause auf Kochlöffelniveau vor mich hin

Schreibe einen Kommentar

Facebook